Josef Müller-Marein: "Hotel des Alpes"

Man kann modern sein, ohne es an Tradition fehlen zu lassen. Oder sagen wir lieber so: Wenn man als Hochhausbewohner elf Monate im Jahr modern war, tut einem ein etwas altmodisch verbrachter Urlaub gut und sei er im gleichen Hause.

Es sind natürlich auch hier die Gegensätze, die einander anziehen. Das Glatte braucht Wölbungen und Einschnitte. Das Kühne zieht das Geborgene nach sich. Der einmütige Trend nach oben schließt Vielseitigkeit nicht aus.

Anzeige

Es ist eine architektonische Tatsache, daß zumal die französischen Alpen mit WintersportHotels bestückt sind, die wie Türme aufragen und auch so heißen: Tours. Das sieht aus, als sollten die Alpen überhöht werden, was sie doch gar nicht nötig haben; sie sind hoch genug. Noch ist diese Mode nicht abgeklungen, da rufen Architekten einer neueren Generation die Vorzüge von Gasthöfen mit höchstens sechs oder sieben Stockwerken aus „Zurück zur Natur"! Wenn sich aus diesem Hü und Hott ein edles Gleichgewicht entwickelt, so kann es nur dies sein: Inmitten alpenhoher Türme, die allen Ansprüchen genügen, ein „Palace", das den höchsten Ansprüchen genügt. Und wie so manch ein mächtiger Turm von Mann oder Trumm von Mensch eine romantische Seele hat, so wird die zementene Überarchitektur von morgen nicht ohne ein Herz aus Jugendstil auskommen. Man will doch irgendwo im Grünen leben: im Grün der Kübelpalmen, Gumrnibäume und Zimmerlinden.

Es entsprach ja schon der Idee von der Wohnund Lebenseinheit, wie sie Le Corbousier verwirklichte, daß alles, was der Mensch braucht, in ein und demselben „Turm" vorhanden ist: Läden und Wäschereien, Friseur- und PediküreSalons, Schulen und Kindergärten, Werkstätten und Freizeiträume. Geht man den Weg, den dieser geniale Mann beschritten hat, konsequent weiter, so kommt man im Zeitalter des Tourismus quasi von selbst darauf, daß man nicht nur Garagen, sondern auch Hotels im Haus haben muß. In den Hotels garnis bringen wir unsere Gäste unter, im Palace aber zünden wir Weihnachten die Tannenbäume an und lassen Silvester die Sektpfropfen knallen.

Betrachten wir die Sache von der ästhetischen Seite, so wird uns klar, daß die Höhe und Größe der modernen Wolkenkratzer Kinkerlitzchen wie Balkone oder Nischen für Muttergottesstatuen nicht zulassen. Es ist wichtig, die- Verhältnisse der Massen und Maße aufeinander abzustimmen. Schon ein Penthouse wirkt hier zu klein (und ist auf diesem unserem Plane auch gar nicht mehr eingezeichnet).

Die Unterbrechungen der Linien müssen terrassenhaft gestaltet werden, und hier können dann nicht nur Hotels, sondern Gemeinschaftsgebäude aller Art errichtet werden, als da sind Konzertsäle und Krematorien, Theater und Tennis Hallen, Hörsäle und Ausstellungsräume. Da der große Turm sozusagen aus gebündelten Einzeltürmen besteht, ist auf jedem Niveau ebenso gut die Anlage von Gärten möglich, in deren Mitte bunte Karussells sich drehen sollen, damit die Menschen im Pracht Hotel eine schöne Aussicht haben.

Wie? Das sei alles grausig, schrecklich, unmenschlich, zukunftsleer?

Service