Käufer gesucht: Für Schloß und Inventar

Am 18. Mai, um drei Uhr nachmittags, bietet sich Pferde Narren eine ungewöhnliche Chance. In den „Mentmore Towers", einem victorianischen Schloß in der englischen Grafschaft Buckinghamshire nordwestlich von London, können sie eine lebensgroße Bronzeplastik ihres Lieblingstieres ersteigern. Der Rassehengst mit dem ambitiösen Namen „King Tom" und den stolzen Maßen 2 35 mal 2 75 Meter plus Sokkel, 1874 von Sir Edgar Boehm geschaffen, ist nicht nur pflegeleichter, sondern auch preiswerter als so manches lebende Renn Tier. Sotheby Parke Bernet, der Welt größtes Kunst Auktionshaus, hat den Schätzwert auf 20 000 bis 40 000 Mark festgesetzt.

Die Riesenskulptur, derzeit noch auf dem edlen englischen Rasen des weitläufigen „Mentrnore" Parks postiert, ist das schwerste, wenn auch nicht bedeutendste Objekt einer Versteigerung, die Sotheby mit Recht als ein JahrhundertEreignis bezeichnet. Unter den Hammer kommt neun Tage lang fast der gesamte Inhalt der „Mentmore Towers", die eine der umfangreichsten und qualifiziertesten Privatsammlungen der Welt bergen. Die fünf Auktionskataloge umfassen mehr als 2000 Nummern, darunter allein 1600 Kunstwerke verschiedenster Art — Gemälde, altes Porzellan, kostbare Möbel, Silber, Gobelins und anderes Kunsthandwerk.

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Das Schloß und ein großer Teil der Sammlung waren Mitte des vergangenen Jahrhunderts von Baron Mayer Amschel de Rothschild errichtet worden, einem Sohn jenes Bankiers, der 1797 die englische Rothschild Dynastie begründete. Baron Rothschild, gleichermaßen mit Geld, künstlerischem Geschmack und Sinn für günstige Gelegenheiten ausgestattet, erkannte sehr bald, daß die dreißiger bis fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, die hohe Zeit des victorianischen Schnörkel Stils, bestens geeignet waren, gegen die Mode zu sammeln und Spitzenwerke des künstlerisch gradlinigeren 17 und 18. Jahrhunderts zu niedrigen Preisen zu kaufen.

Eines der Hauptwerke der jetzigen Auktion zum Beispiel, einen 1755 für August III von Sachsen gefertigten, fürstlich verzierten Aufsatzsekretär, der am 20. Mai mindestens eine Million Mark bringen soll, erwarb er 1835 für 1000 Pfund — eine Summe, die nach heutigem Geldwert etwa 40 000 Mark entspricht. Der Bankier fand die kontinentalen Möbel — im Vergleich zu den zeitgenössischen Produkten — so billig, daß er Louis XV- und Louis XVI Kommoden, die heute zu den gesuchtesten Objekten des internationalen Kunstmarktes zählen, sogar zu Waschtischen für seine Gästezimmer umarbeiten ließ. Rothschild kaufte soviel und so gezielt, daß Lady Eastlake, eine Innenarchitektur Spezialistin jener Zeit, nach dem Besuch von „Mentmore" bemerkte: „Ich glaube nicht, daß die Medici auf der Höhe ihres Ruhms jemals so eingerichtet waren "

Als Baron Rothschild starb, hinterließ er seiner einzigen Tochter Hannah ein Vermögen von zwei Millionen Pfund nebst „Mentmore" und dem darin enthaltenen Privatmuseum. Die damals reichste Erbin Englands sorgte für den Fortbestand der Sammlung. Vier Jahre nach dem Tod ihres Vaters heiratete sie den fünften Earl of Rosebery, einen für die damalige Zeit liberalen Politiker, der schon als Knabe hochgesteckte Lebensziele gehabt haben soll: Premierminister zu werden, das Derby zu gewinnen und eine Rothschild zu heiraten. Er war in allem erfolgreich.

Der Glanz des vereinigten Blut- und Geldadels hielt freilich nur noch eine Generation. Nachdem der sechste Earl of Rosebery 1974 im Alter von 92 Jahren gestorben war, mußten die Erben nach einer Möglichkeit suchen, die fällige Erbschaftsteuer von gut 20 Millionen Mark zu finanzieren. Nachdem der Versuch, das gesamte Anwesen dem englischen Staat als Museum zu verkaufen, am fehlenden Geld gescheitert war, blieb nur noch der Auftrag an Sotheby übrig. Der „Mentmore" Besitz wird jetzt in alle Welt verstreut. Heiß umkämpft sein dürften insbesondere die zahlreichen, teilweise für den französischen Hof angefertigten Möbel berühmter französischer Ebenisten wie Riesener, Bernard van Riesenburgh, Dubois oder Oeben, die exquisiten Sammlungen von Sevres Porzellan undLimoges Emaile, deutsches Silber des 17 und 18. Jahrhunderts sowie italienischen Renaissance Plastiken.

Für einige Stücke hat sich der englische Staat ein Vorkaufsrecht gesichert — etwa für den Se , kretär von Bernard von Risenburgh, zwei Kommoden von Hubert Hansen, einen französischflämischen Kabinettschrank des 17. Jahrhunderts und vier Gemälde, darunter ein Jagd Bild von Thomas Gainsborough.

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