Sportärzte-Symposion in Kiel Kampf dem Doping
Razzien sollen in Zukunft die Anabolika-Sünder überführen Von Adolf Metzner
Die pharmakolbgische Beeinflussung der Leistungssteigerung im Sport". Dies war das Thema eines Symposions, das der Deutsche Sportärztebund im Auditorium Maximum der Universität Kiel abhielt.
Seit Montreal, wo der Favorit im Einerrudern, der Hamburger Kolbe, seine Niederlage auf eine ihm verabreichte Vitaminspritze zurückführte, ist die Öffentlichkeit alarmiert. Die Medien griffen das Thema Doping immer wieder auf, wobei die Anabolika ganz im Vordergrund standen. Die te noch in der Woche vor dem Kieler Symposion drei Beiträge von allerdings recht unterschiedlichem Niveau. Einer enthielt „Enthüllungen eines Doping Experten", eines Apothekers aus Mainz, der beim Deutschen Leichtathletik Verband (DLV) Einblicke in die Dopingszene gewonnen hatte.
Aber nicht nur der Präsident des DL V, Professor Kirsch, wurde von dem Michael Köhlhaas aus dem Mainzer Vorort beschuldigt, auch die Freiburger Sportärzte und sogar der Biochemiker Dr. Donike aus Köln, der das Labor zum Dopingnachweis leitet. Ihm warf der Eiferer Manipulationen vor, da er mit den Ärzten der Freiburger Schule befreundet sei.
Der streitbare Apotheker war in Kiel erschienen und wiederholte dort seine Anschuldigungen, ohne aber im Fall Donike auch nur die geringsten Beweisstücke vorlegen zu können.
Aber auch unter den Rednern selbst waren die Ansichten, wie die aktuelle Problematik des Doping zu betrachten sei, kontrovers. Der Präsident des Deutschen Sportärztebundes, der Freiburger Cardiologe Reindell, vertrat im wesentlichen die Meinung der sogenannten Charta der GrupeKommission, eines Dreierkollegiums, das unter dem Tübinger Pädagogen Professor Ommo Grupe im Auftrage des Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume, ein umfangreiches Traktat erarbeitet hatte, das im Verbot jeglichen Dopings gipfelt.
Merkwürdigerweise gehörte dieser Kommission kein Mediziner an. Der Kölner Sportmediziner und Cardiologe Professor Wildor Hollmann apostrophierte es dann auch als „rührend und naiv". Für ihn sieh; die Wirklichkeit anders aus; er glaubt, beim Spitzensport Entartungstendenzen zum Professionalismus, zum Zirkus und sogar zum Panoptikum (Züchtung von Sport Monstren) zu erkennen. Für ihn stellte sich die Grupe Charta so dar, wie wenn ein Raumfahrt Ingenieur seine Kenntnisse aus dem Märchenbuch „Peterchens Mondfahrt" beziehe.
Hollmann nannte Zahlen, die dies verdeutlichen. Tag für Tag muß ein Schwimmer 12 bis 20 Kilometer im Wasser zurücklegen und schon fast zum amphibischen Wesen werden. Ein Langstreckenläufer braucht 20 bis 40 Kilometer täglich, ein Ruderer 12000 Kilometer pro Jahr, ein Radrennfahrer muß täglich bis zu 200 Kilometer herunterstrampeln und ein Gewichtheber 60 Tonnen in der Woche, wie es heißt, zur Hochstrecke bringen. Da ist wirklich Sisyphos der Zuchtmeister. Verlockend der Griff nach der Droge und neuerdings nach den Anabolika, um die es hier ging. Viele glauben, daß sie der Hexenküche der Sportärzte entstammten, die man für die unheilige Allianz zwischen Arzt und dopingsüchtigem Athleten zu Schuldigen stempeln will. Tatsächlich kamen sie Anfang der sechziger Jahre durch amerikanische Athleten nach Europa, wo man sie nur als Medikament kannte. Es handelt sich um synthetische Stereöide, die dem männlichen Sexualhormon ähneln.
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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