Kindereien

In der Fragestunde des Bundestages erregte in der vorigen Woche ein absurdes Problem die Geister: Sollen Wegweiser mit der Aufschrift „Allenstein 1100 km" mit Rücksicht auf den deutsch polnischen Vertrag beseitigt werden? Man kennt den merkwürdigen Aberglauben der sonst so wissenschaftsfrommen. Kommunisten, die da meinen, sie könnten die Wirklichkeit — und zwar nicht nur die gegenwärtige, sondern auch die vergangene — verändern, indem sie gex wisse Begebenheiten oder Persönlichkeiten, die ihnen mißfallen, einfach aus den Geschichtsbüchern streichen. Wie kleine Kinder, die glauben, wenn sie sich die Augen zuhalten, könne niemand sie sehen, weil alle dann gleichermaßen blind wären. Aber wieso müssen wir eigentlich solche Kindereien mitmachen?

Die Wirklichkeit ist in diesem Fall äußerst kompliziert: Allenstein in Ostpreußen, zur Zeit des Ritterordens gegründet, erhielt 1353 Stadtrecht, wurde 1466 als Teil des Bistums Ermland dem polnischen König unterstellt, aber bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts stets von deutschen Bischöfen verwaltet; erst dann wurden Polen eingesetzt. Zweihundert Jahre später, 1772 bei der ersten Teilung Polens, kam Allenstein wieder an Preußen. 1920, bei der Abstimmung nach" dem Ersten Weltkrieg stimmten 98 Prozent der Bevölkerung für Deutschland, darum blieb es bis 1945 deutsch. Heute ist Olsztyn Hauptstadt einer polnischen Woiwodschaft. Allenstein oder, Olsztyn? Im Sinne der Geschichte ist beides richtig Übrigens: kein Volk läßt sich von einem anderen verordnen, welche Namen wie geschrieben werden müssen. Wir sagen Mailand, nicht Milano; die Franzosen Aixla Chapelle, nicht Aachen. Auch läßt kein Volk sich von einem arideren vorschreiben, an welche Erinnerungen es sein Herz hängt. Lassen wir uns nicht ins, Bockshorn jagen. Dff.

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