Kritik in Kürze
„Das Auftauchen an einem anderen Ort", Gedichte von Cyrus Atabay. Schon Cyrus Atabays zweiter Gedichtband „An- und Abflüge", der 1958, zwei Jahre nach seiner beeindruckenden kleinen Sammlung „Einige Schatten" erschien, war eine Enttäuschung. Und der Autor, ein 1929 in Teheran geborener Orientale, der als Kind nach Europa gekommen ist und deutsch schreibt, hat nie wieder die poetische Intensität und Grazie erreicht. Atabay hat früh einen Hang zur Kalligraphie, zur dichterischen Schönschreibe entwickelt. Der Charme seiner ersten Arbeiten wich aufgeschminkter Altertümelei, die, wennschon der Dichter selber sich wohl in der Tradition persischer Lyrik und Mystiksieht, den deutschen Leser anmutet wie ein Rückgriff auf verbrauchtes europäisches Sprachund Bildgut: „Betäubender duftet Rosmarin auf Sankt Helena. Seht den Kaiser vor der Ufermauer, Er hat sein Reich, sein Nirgendlandgefunden Die romantisierende und oft auch antikisierende Lyrik Atabays ist von Sinnsprüchen durchsetzt. Sie gibt vor, ihre Bedeutungen aus tieferen Bezügen und fernen Bereichen zu beziehen, entsprechend der poetologischen Überzeugung des Autors, die sich hinter Gedanken von Einolghozat Hamadanii (1098— 1131) verbirgt: „Junger Freund, betrachte diese Gedichte wie Spiegel. Denn du weißt, im Spiegel selbst ist kein Bild, sondern jeder, der hineinblickt, sieht darin sein eigenes Bild In Atabays Debüt hatte man Verse gefunden, die — wie etwa die Schlußzeilen von „Mohneg — mit einfachen zarten Worten einer Stimmung sinnliche Umrisse zu geben, vermochten: „Wir wohnten im Mohnweg, und das Heimchen war die Sanduhr unserer Nächte Die späteren Arbeiten haben nichts von diesem poetischen Aroma bewahrt. Sie sind symbqlüberfrachtet, abstrakt: „Fama, hörst du das Unhörbare? Siehst du das. Ungesehene? Was sind das für Stimmen? Du sagst, es ist die Nachtigall (Insel Verlag, Frankfurt, 1977; 78 S , 16 — DM ) Hans Jürgen Heise
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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