Bürgerrechtsbewegung "Mein Platz ist in Polen"

Bilanz eines Intellektuellen vor der Heimkehr Ein Gespräch mit Marion Gräfin Dönhoff

ZEIT: Herr Midinik, Sie gehören zur jungen Generation der Polen. Sie waren zum erstenmal im Westen, vorwiegend in Paris. Was hat Sie am meisten interessiert? Was hat Sie positiv und negativ verblüfft?

Michnik: Positiv hat mich am stärksten beeindruckt zu beobachten, wie die demokratischen Mechanismen im Westen funktionieren. Ich gehöre zu einer Generation, für die solche Mechanismen noch nie zum täglichen Brot gehörten: die Kritik der Regierung durch die Opposition, die Tätigkeit der Gewerkschaften, Wahlkampf und freie Wahlen, die Forderung, die Menschenrechte zu respektieren, die man immer wieder in den Zeitungen lesen kann. Das sind alles Dinge, die für mich sensationell waren.

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ZEIT; Wenn ich recht verstehe, Ist es also der Pluralismus, der Sie fesselt. In den sozialistischen Staaten wird aber oft gesagt, dort finde der Pluralismus in der einen Partei statt, da gebe es genug verschiedene Meinungen.

Michnik: Bei dem, was ich jetzt sage, möchte ich gern Simplifizierungen Vermeiden. Meiner Meinung nach ist der Pluralismus weder im Westen noch im Osten wirklich perfekt. Die Gesellschaften im Westen haben zahlreiche Mängel, und darum ist die Kritik, die Reformer an ihnen üben, durchaus gerechtfertigt. Aber in den Strukturen dieser Gesellschaft ist das Prinzip der Menschenrechte fest verankert, auch wenn es ab und zu verletzt wird. Das Wesen des osteuropäischen Systems aber besteht darin, daß der Mensch Eigentum des Staates ist.

Das, was ich hier sage, ist keine Greuelpropaganda. Ich bin mir völlig im klaren über die vielen Unterschiede, die zwischen den einzelnen osteuropäischen Staaten, zum Beispiel zwischen" Polen und der Tschechoslowakei, bestehen. Ich bagatellisiere diese Unterschiede nicht — ihnen habe ich es zu verdanken, daß ich leben kann. Dennoch: Die Hauptrichtung der Reformen in Polen muß sein, die Inhaber der Macht dazu zu bringen, von jenem Prinzip abzulassen, von dem ich gesprochen habe — also davon, daß die Partei Eigentümer des Staates ist und der Staat Eigentümer der Bevölkerung. ZEIT: Zurück zu der ersten Frage: Was sind Ihre negativen Eindrücke? Sehr oft habe ich beobachtet, daß Menschen, die aus dem Osten kommen, angewidert sind von dem übertriebenen Materialismus bei uns. Teilen Sie dieses Gefühl? Micbnik: Nur bis zu einem gewissen Grade. Ganz generell bin ich Gegner von gesellschaftlichen Verhältnissen, die den Wert eines Menschen daran messen, wie weit seine Macht über andere Menschen reicht wobei es gleichgültig ist, ob diese Macht mit Hilfe von Geld oder mittels der Polizei ausgeübt wird. Ich glaube, im Westen kann man zuweilen auch etwas davon beobachten, nur ist es dort weniger stark spürbar als in den totalitären Gesellschaften.

ZEIT: Es ist für uns Deutsche, die wir gern in Freundschaft mit den Nachbarn in Polen leben möchten, ein bißchen traurig, daß die Normalisierung immer wieder hinter dem Horizont verschwindet. Oft denken wir: Jetzt ist es soweit, aber dann ist es wieder aus. Glaubt ein dreißigjähriger Pole, daß eine Normalisierung zwischen uns möglich ist?

Michnik: Ich glaube es. Ein sehr wichtiger Schritt auf diesem Wese war die von mir sehr hochgeschätzte Ostpolitik von Willy Brandt. Die Anerkennung der Oder Neiße Grenze wie auch die Regelung in Sachen Entschädigung haben diesem Ziel gedient. Die Annäherung zwischen den Regierungen muß aber begleitet werden von einer Annäherung der Völker. Und dies ist nur möglich auf der Basis der Durchführung der Helsinki Beschlüsse, vor allem der Respektierung der Menschenrechte. Denn sonst besteht die Gefahr, daß die polnische Regierung, die bekanntlich das Monopol für Propaganda hat, bei jeder ihr passend erscheinenden Gelegenheit, beispielsweise bei inneren Konflikten, versucht, nationalistische antideutsche Gefühle aufzurühren und wiederzubeleben.

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