Mischwald mit kleinen Badeseen

Kartoffeln erscheinen hier im Gegensatz zu Oberbayern häufiger auf der Speisekarte als Knödl, Gänse stehen bei vielen Kleinbauern öfter im Futter als Schweine, die Einheimischen reden einen nuschelnden Dialekt, der schon oft Urlauber aus dem Norden, aber auch Bundestags Stenographen zum Verzweifeln gebracht hat: letzteres bei Reden des derzeit in der Bundesrepublik noch immer bekanntesten Oberpfälzers, des einstigen Bundesministers Hermann Höcherl, der jetzt als politischer Ruheständler in seinem Heimatort Brennberg bei Regensburg lebt.

Die Oberpfalz, einer der sieben bayerischen Regierungsbezirke, ist freilich bisher weder als Verwaltungsregion Bayerns noch als Ferienlandschaft ein Begriff. Nicht nur in deutscher Geographie wenig bewanderte Ausländer hängen das Gebiet zuweilen irgendwo als „oberen Teil" an das Bundesland Rheinland Pfalz an. Selbst Münchner haben Schwierigkeiten, die Lage der „Steinpfalz" — wie das Gebiet in Anspielung auf die einstige Armut seiner Bauern und die Unfruchtbarkeit der Felder auch heute noch heißt — in ihrem Freistaat richtig einzuordnen. Immerhin, die Oberpfalz mißt von Süden bis Norden mehr als 120 Kilometer — vom Regierungs- und Bischofssitz Regensburg bis hinauf zu jenem Zipfel des nördlichen Ländkreises Tirschenreuth, in dem ein Dorf von 1360 Seelen liegt, das sogar der Brockhaus zweimal verzeichnet. In dem laut Lexikon zu 99 Prozent katholischen Kpnnersreuth lebte jene Bauerntochter Therese („Resl") Neumann, deren Stigmatisationen von 1926 bis zu ihrem Tod T962 alljährlich das Ziel zehntausender Frommer und Neugieriger waren. Auch der Fremdenverkehrsverband Ostbayern hat mit seinem Teilgebiet Oberpfalz geographische Probleme. Den Donaudurchbruch beim Kloster Weltenburg mit der Kirche der Brüder Asam verkauft er als größte landschaftliche Attraktion der Oberpfalz, und auch das nördlich davon gelegene Altmühltal, wo jetzt die Bagger beim Bau des Rhein Main Donau Kanals ihr Zerstörungswerk begonnen haben, rechnet der Verband dazu. Doch in Wirklichkeit gehört die „schönste Fußstrecke Europas" samt dem größten Teil des lieblichen Tals gar nicht zu diesem Regierungsbezirk. Aber Touristen interessieren solche Ungenauigkeiten nicht (Siehe auch auf Seite 60) Fremdenverkehrs Werbern macht es die Oberpfalz insofern schwer, als sich die Vielfalt und die Gegensätzlichkeiten ihrer Landschaften nicht zu einem griffigen Einheits „Produkt" vermarkten lassen. Da gibt es den Oberpfälzer Jura — eine Berglandschaft einmal mit leuchtend bunten Mischwäldern, in denen sich kleine Badeseen verbergen, dann wieder mit kahlen Rücken, über deren Steinwüsten der kalte Ostwind pfeift. Dem Jura schließt sich im Nordosten der Oberpfälzer Wald an, der eigentlich eine Fortsetzung des. Bayerischen Waldes darstellt. Seine, dunkel bewaldeten Hänge grenzen an die Tschechoslowakei. Und schließlich im Norden das Waldgebirge des Steinwalds, Hochwälder mit eigenartigen Granitfelsbildungen, ein zum Naturpark erklärtes, prächtiges Wandergebiet. Schließlich als letzter Oberpfälzer Landesteil noch das südliche Fichtelgebirge.

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Nur vereinzelt qualmende Fabriks chornsteine, aber viel Wald, Flußläufe in unverbauten, gewundenen Tälern, Berge mit unzähligen Burgen — diese reizvolle Landschaft der Oberpfalz böte eigentlich ideale Voraussetzungen für den Fremdenverkehr, zumal bis auf die kleinen Industrie " orte Weiden, Amberg und Sulzbach Rosenberg jegliche Ballungszentren fehlen. Aus zwei Gründen indessen blieb der Regierungsbezirkbisher touristisch unterentwickelt. Erstens der schlechten Verkehrsverbindungen wegen (die Autobahn Frankfurt—Nürnberg endet knapp hinter Re , gensburg) und zweitens wegen des - Mangels an Unterkünften.

34000 Betten stehen heute in den meist recht einfachen Gasthöfen und Hotels der Oberpfalz. Dazu kommen noch weitere 165 000 Betten in Privatunterkünften. Der Fremdenverkehrsverband Oberbayern registriert für sie zwar bereits jährlich 3 2 Millionen Übernachtungen, doch dies bedeutet nur eine Auslastung von 43 8 Prozent. Um überhaupt Gäste zu bekommen, müßten die Preise gesenkt werden: An 18 bis 25 Mark für Bett und Vollpension jedoch, wie sie in vielen Dörfern üblich sind, läßt sich nichts verdienen. Die Oberpfälzer selbst, fühlen ihre touristischen Anliegen in München schlecht vertreten, obwohl den Freistaat immerhin einer der Ihren regiert: der in Regensburg Reinhaus geborene Ministerpräsident und Abgeordnete des Stimmkreises Nabburg Alfons Goppel („König Fonsä"). Die große Investitionswelle die dem Bayerischen Wald Komforthotels, Ferienzentren und freilich auch einige Abschreibungs Ruinen beschert hat, ist an der Oberpfalz spurlos vorübergegangen. Kein internationaler Hotelkonzern - noch nicht einmal eine deutscheBeherbergungsgruppe, hat bisher Lust verspürt, in diesem Entwicklungsland des Fremdenverkehrs Geld zu verbetonieren. Sogar das einzige Prachthotel des Regierungsbezirks, das Parkhotel Maximilian in Regensburg, mußte schließen. Nur innerhalb der Gemeinden hat sich Initiative an Einzelobjekten entfaltet, Auch die bundesdeutschen Reiseveranstalter, sonst überall zur Stelle, wenn es gilt, Verborgenes Zu „entdecken", unberührte Natur hochzujubeln und Rustikales zu verkaufen, glänzen in der Oberpfalz weitgehend durch Abwesenheit. Bis auf wenige Ausnahmen: Das DER führt eine Ferienanlage mit Holzhäusern in seinem Katalog 77, wobei der beschreibende Text freilich vom - „oberen Bayerischen Wald" statt vom „Oberpfälzer Wald" spricht. Die Gut Reisen laden ins Feriendorf Rieden bei Amberg ein, in dem die Fünf Personen Wohnung selbst in der Hochsaison wöchentlich nur maximal 340 Mark kostet, während die ADAC Reisen neben Bungalows im Schwarzachtal immerhin einen Buchungsschlager nennen können: Das neue Erholungs- und Frei zeitzentrüm des Glubs in Neubau im Landkreis Roding, mitten im Naturpark „Vorderer Bayerischer Wald" neben dem Neübäusee gelegen, ein Bungalowdorf mit großem Campingplatz. Mit den Fremden freilich zog in Neubau am See auch der Fortschritt jener Art ein, wie er vorläufig in der ländlichen Oberpfalz noch gar nicht gern gesehen wirdAls am 2. Januar dieses Jahres ein neuer Pächter das „Tanzcafe am See" übernahm, begann hier eine Entwicklung, die sich inzwischen in der Lokalpresse mit Oberschriften wie „Erregte Auseinandersetzungen um Provinz Striptease" und „Unzucht auf dem Lande" niederschlug. Was ursprünglich dazu bestimmt war, den Winterurlaubern der letzten Wochen zu Einsamkeit und Naturnähe ein bißchen abendliches Kontrastprogramm zu bieten, läuft jetzt nach warnenden Hinweisen von den Kanzeln der Umgebung als Erfolgsshow für das ; einheimische Publikum.

Der Abwechslung mit blanken Busen und, Beinen bedarf es freilich in dieser Gegend nicht, wenn sich der Besucher aufmacht, ein wenig die Umgebung seines, Ferienorts in Augenschein zu nehmen. In der ganzen Oberpfalz gibt es viel Schönes und SehenswerteSj Einmaliges und Originelles. Hundert Ferienorte nennt der Katalog „Zu Gast in Ostbayern 77" des Fremdenverkehrsvereins für die Oberpfälz und 27 Hallenbäder, 37 beheizte und 39 unbeheizte Freischwimmbäder, 32 naturkundliche Lehrpfade, 16 Reithallen, 35 Minigolfplätze, 27 Camps und vieles andere zählt diese Zusammenstellung auf. Zum Beispiel: in der kleinen Oberpfalzliegen 625 jener Burgen und Schlösser, die Tillmanns Burgenlexikon für den gesamten deutschen, Sprachraüm aufführt. Burgen auf Berggipfeln, die den- Wanderer - zu immer neuen Anstiegen reizen, weil kaum je eine Fähr r strecke - hinauf führt (der- Führer „Burgen derOberpfalz", Verlag Pustet, Regensburg, beschreibt sie alle).

Oder: Das mittelalterliche Stadtbild von Kalimünz, ein Marktflecken unter steil aufragenden Felsen am Zusammenfluß von Vils und Naab, begeisterte schon Anfang dieses Jahrhunderts Sdrwabinger Maler, die hier monatelang ihre Ferien verbrachten. Bis 1945, als jedes dritte Haus in Kallmünz ein "Wirtshaus war, gab es keine Probleme, selbst Dauergäste unterzubringen. Heute stehen nur noch wenige Gästebetten zur Verfügung, und schon haben Auswärtige begonnen, cfie alten Häuser aufzukaufen.

Oder: Der einzige geologische Lehrpfad Bayerns. Von Weiden führt er über die Ostmarkstraße nach Tännesberg, wo gleich hinter dem Dorf der Waldweg ins Archaikum des Erdzeitalters vorstößt.

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