Urlaub in Schweden Mit Elch und Biber in freier Wildbahn

Värmland lockt zu Ferienabenteuern und zu erholsamen Aktivitäten Von Karl-Richard Könnecke Rauchender Kohlemeiler im

Als vor neunhundert Jahren die ersten Touristen durch die schwedische Provinz Värmland zogen, stand ihnen nicht — wie heute — der Sinn nach weltlichen Urlaubsfreuden. Sie wallfahrten zum Grab des heiligerklärten Norwegerkönigs Olav in Nidaros, dem heutigen Drontheim. Ihnen standen auch nicht — wie heute — gut ausgebaute Straßen, bequeme Herbergen oder gar komfortable Verkehrsmittel zu Gebote. Sie hielten sich aber — wie heute — an eine natürliche Straße, sie folgten dem schlingernden Lauf des Klarälven und nannten ihn — wie heute wieder die Touristenindustrie — „pilgrimsleden" oder auf deutsch Pilgerstraßew Der alte Fußweg der frommen Leute hat sich inzwischen zu den Reichsstraßen 62 und 235 gemausert, bietet zuweilen fast Äutobahnstandard, beginnt bei Karlstad am Vänernsee, durchmißt in einer Länge von 237 Kilometern das ganze Värmland, um auf der norwegischen Seite via Trysil, Röros bis zur Endstation Drontheim zu führen Daß diese nicht>alku überlastete Straßenverbindung auch: eine interessante Alternative für alle Autoreisenden, darstellt, die in die westnorwegische Fjordwelt wollen, sei hier eher am Rande bemerkt, denn wir wollen ja von Värmland berichten, und das endet an der Grenze zu Norwegen - :. Wer zum erstenmal nach Värmland kommt, braucht nur dieser Pilgerstraße zu folgen, und er : wird seine aus Erzählungen oder Prospektstudien genährten Vorstellungen in einer von Süden nach Norden dramaturgisch geschickt gesteigerten Naturkulisse bestätigt finden: wie sich das Land am Klarälv bei Karlstad bis weit über Forshaga fast mitteleuropäisch gezähmt gibt, wie es zum engeren Tal wird, wie sich die Hügel an beiden Seiten dann zu Waldbergen auswachsen, wie der Fluß reißender, wie die Wälder geheimnisvoller, undurchdringlicher werden — wer einen Tag zuvor im südlicheren Schweden angekommen und auf das vielgepriesene Wunder skandinavischer Einsamkeit gewartet hatte: Spätestens in Nordvärmland erfüllt es sich ihm, spätestens hier beginnt die ersehnte Weite, die keine Grenzen zu kennen scheint.

Man täte jedoch dem, Värmland und seinen touristischen Möglichkeiten doppelt unrecht, wollte man beides zur Durchgangsstrecke degradieren oder wollte man es lediglich zur KlischeeBestätigung benutzen. In Wirklichkeit verhält es sich so, daß diese Klischees sogar alle stimmen, aber Värmland ist darüber hinaus ein Reiseziel par excellence, insbesondere für uns Deutsche. In gewisser Weise liegt es direkt vor unserer Haustür; wer beispielsweise abends mit der Fähre in Kiel oder Travemünde ab- und am nächsten Vormittag in Göteborg anlegt, kann seinen Nachmittagskaffee bereits in Värmland trinken (Göteborg—Karlstad knappe 300 Kilometer). 2war gibt es in Värmland keine Beton Ferienburgen 4 la Ostsee oder Mittelmeerstrand, aber dafür viele gemütliche Hotels und Pensionen, 2000 Ferienhäuser und rund 2500 größere und kleinere Seen. Schließlich ist Värmland im Sommer ebenso attraktiv wie im Winter (Sunne weist 120, das nördlichste Värmland gar 160 statistisch gesicherte Schneetage auf). Eine zunehmende Zahl von Touristen wählt freilich auch Frühling und Herbst zur Reise, dann ist es noch einsamer in diesem ohnehin stillen und ungestörten Land, und billiger ist es außerdem, wie überall in der Vor- und Nachsaison "

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Natürlich kann man beim Urlaub in Värmland den ganzen lieben Tag auf der faulen Haut liegen. Strande und Wiesen gibt es genug (im Hochsommer allerdings auch ein paar Mücken). Aber reist man deswegen dorthin? Kaum, ein solches Urlaubsland lockt viel eher zu erholsamen Aktivitäten, zu Ferienabenteuern, lockt zum Fischfang, zum Wandern, zum Paddeln, zum literarisch untermauerten Sightseeing (Selrna Lagerlöf — später dazu mehr). Weswegen das Angebot für diejenigen, die es mit der Natur versuchen wollen, unvergleichlich größer ist als für diejenigen, die Nightlife und mondanes Gewimmel zu ihrem Wohlbefinden brauchen. Man muß ja nicht gleich eine Wildmärk Wänderung antreten. Obwohl — wer Freude daran findet, sollte sich dazu entschließen. Wer normal zu Fuß, nicht allzu kurzatmig ist und dazu einen mittelschweren Rucksack ohne Mühe verkraften kann, ist wandertüchtig. Vor allem dann, wenn sachkundige Führung dabei ist, wenn also das Risiko (ohne Beeinträchtigung des Abenteuers Wildnis im übrigen) durch genaue Planung und das Know how auf ein Minimum gedrückt ist. Von den vielen Möglichkeiten seien hier nur zwei erwähnt. Da sind einmal die in Höljes Nordvärmland beginnenden „Wildmark Safaris". Sie dauern jeweils drei Tage, bieten Erlebnis und Romantik, man übernachtet in Holzfällerkojen, bereitet sein Essen über offenem Feuer, kann nebenher fischen, botanisieren, Elch und Biber in freier Wildbahn beobachten und — sich um nichts anderes kümmern, denn im Paketpreis ist alles enthalten, sogar die komplette Ausrüstung. Ein anderes Wandergebiet mit Urwald Qualitäten ist der wilde Glaskogen in der sogenannten Nordmark zwischen Arvika und Ärjäng. In dieses 35 000 Hektar große Naturreservat führen ebenfalls organisierte Wanderungen, und auch hier geht es nicht in erster Linie um die absolute Kilometerleistung. Wichtiger ist es, mit der noch ungebändigten Natur und ihren Gesetzen vertraut zu werden.

Zu den weiteren Freizeit Verlockungen Värmlands zählt das Kanu Wandern. In den reichverzweigten Seensystemen eine ideale Urlaubsmöglichkeit. Schwerpunkte haben sich in Torsby am Frykensee, in Lekvattnet, in Ämotfors (zwischen Arvika und norwegischer Grenze) und bei Ärjäng gebildet. Dort kann man Kanus mieten (etwa 50 Kronen pro Tag, 200 Kronen die Woche) oder komplette Kanu Paket Arrangements buchen; etwa Touren für die ganze Familie oder Weekend Fahrten oder Abenteuer Reisen durch die Wildmark.

Freilich sollte man das mit dem Abenteuer nicht zu wörtlich nehmen und sich, verleitet von der scheinbar großen Einsamkeit und der schwedischen Großzügigkeit in Sachen „allemansrätt", in allerlei verantwortungslosen Abenteuerlichkei ten üben wollen. Da wissen empörte Schweden. von Kanuten zu berichten, die trotz strenger Verbote bei der Rast im Wald offene Feuer entzündeten, von anderen, die einfachBäume fällten, um ein paar Stöcke herauszuschneiden, vonanderen wiederum, die ihre Zeltplätze im Zustand einer ungeordneten Mülldeponie hinter < ließen. Insbesondere Jugendgruppen haben sich in dieser Weise hervorgetan und dadurch die Geduld der schwedischen Gastgeber über Gebühr strapaziert. Und noch eine Regel: Wer sich mit dem Kanu allein auf Wanderschaft begibt, sollte unbedingt seine Reiseroute in einem KäftutenCenter oder im Touristenbüro angeben und sich auch am Ziel wieder melden — damit, erspart man sich und anderen unnötige und aufwendige Suchaktionen.

Das Schöne an diesem Värmland ist (neben seiner Nähe), daß es sich aber auch so gänzlich ohne sportlich abenteuerliche Ambitionen tätig erleben läßt. Etwa beim Urlaub im eigenen (Miet )Ferienhaus, nach wie vor die begehrteste Ferienform und insbesondere für Familien mit Kindern gleich noch eine der erschwinglichsten. Der Ausstattungsstandard dieser Häuser ist oft verblüffend hoch, seine Qualität wird von den Fremdenverkehrsvereinen überwacht. Värmland hat in Karlstad eine Buchungszentrale, die einen ausführlichen Ferienhauskatalog mit Photos und allen wichtigen Erläuterungen herausgibt; viele andere Touristenregionen könnten sich davon in puncto Verbraucherinformation und Zuverlässigkeit eine Scheibe abschneiden.

Für- denjenigen, der mit dem eigenen Auto unterwegs ist- (und die meisten Touristen reisen motorisiert), bietet sich darüber hinaus eine Fülle von Ausflugs- und Erkundungsmöglichkeiten an. Värmland ist nicht umsonst ein sagenumwobenes Land, und wer mit der Geschichte nur einigermaßen vertraut ist, wird überall die Spuren der Vergangenheit entdecken oder doch erahnen: rauchende Kohlenmeiler im Zehn Meilen Wald (Tiomilaskogen zwischen den Klarälv- und den westlichen Tälern); den alten Schmiedeeisenharn- , mer in Ransäter (im Sommer wird er noch regelmäßig für die Besucher betrieben); die „singenden" Eisenkreuze auf dem Friedhof von Eksharad — Zeugnisse värmländischer Schmiedekunst (gleich neben der Hauptstraße); die mit Holzschindeln verkleidete Kirche von Eksharad aus dem 17. Jahrhundert, aber der modernen Zeit auf verblüffende Weise angepaßt: Per Knopf1druck erfährt der Gast aus Stereolautspr echern die Geschichte dieses Gotteshauses, in schönstem Deutsdi übrigens, und wem nach Andacht zumute ist, der drüekt einen anderen Knopf und bekommt eine solche ebenfalls in Stereo geliefert; im Freilichtmuseum von Ransäter gibts noch einen Original Krämerladen und eine Post, in denen die schönste Nostalgie blüht und ein Sonderstempel Philatelisten anlockt (nur sommers); zu erleben (und zu photographiereri!), wie Millionen von ausgewachsenen Baumstämmen den Klarälv hinuntergeflößt werden. Schließlich eine Fährt durch, die unendlich weiten Wälder zwischen Klarälv und norwegischer Grenze von Höljes aus über Södra Finnskoga und Bjurberget nach Torsby am oberen Frykensee. UricT späte , stens hier beginnt das Värmland Selma Lagerlöfs. Es lohnt sich, ihren „Gösta Beding" vorher, gelesen zu haben. Nicht, weil diese Schriftstellerin und insbesondere ihr bekanntestes Werk so geschickt und unübersehbar vermarktet werden, eher trotzdem. Kaum jemand sonst hat den Landstrich um den Frykensee so liebevoll und so detailliert beschrieben. Ob in Sunne, dem „Bro" aus Selma Lagerlöfs Roman, ob im „Länsmansgarden" bei Sunne, wo die Majprin gefänglich verwahrt gewesen sein, soll, ob im Geburtshaus der Dichterin in Märbäcka, dem Lövdala aus „Gösta Berling", oder ob in „Ekeby", dem wirklichen Rottneros mit Herrenhaus und Kavaliershäusern und einem phantastischen SkulpturenPark — überall vermischen sich Dichtung und Wirklichkeit. Natürlich, man kanns prosaisch durcheilen und kommt dennoch auf, seine Kosten, aber schöner (und sentimentaler, mit literarischer Überhöhung) erlebt es sich mit der Dame Lagerlöf.

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