Mit noch mehr Segeln
Die deutschen Teilnehmer sind gut vorbereitet Von Karl Morgenstern
Es geht um den Admirals Cup, der inoffiziellen Weltmeisterschaft der Hochseesegler, der härtesten Regatta der Welt. Aus der Bundesrepublik bewerben sich 15 Schiffe um die drei freien Plätze für die Teilnahme an diesem Rennen, das yom 26. Juli bis 12. August vor England ausgetragen wird. Die Engländer vor allem wollen es in der „Battle of Solent" wissen. Sechsmal insgesamt haben sie diesen, 1957 von Admiral Sir Miles Wyatt gestifteten, Pokal gewonnen: 1957 1959 1963 1965 1971 und 1975 1961 und 1969 gewannen die Segler aus den USA die begehrte Trophäe, 1967 war Australien der Sieger. Und einmal, im Jahre 1973, triumphierte eine Crew aus der Bundesrepublik Deutschland. Der seit Jahren anhaltende Trend zu immer ansehnlicheren Neubauten hat die deutschen Skipper nicht aus der Fassung gebracht. Hans Otto Schumann, Team Kapitän der deutschen Flotte, urteilt leidenschaftslos: „Unsere Schiffe waren schon vor zwei Jahren erstklassig. Sie sind auch heute noch hervorragend. Da wir ausgezeichnete Crews haben, haben wir auch diesmal wieder ernsthafte Chancen Seine „Rubin", die schon vor zwei Jahren erfolgreich mitsegelte, ist allerdings — wie viele andere „Rennziegen" von Format — ein bißchen verändert worden, ein wenig schlanker, eine halbe Tonne leichter im Kiel und auch etwas mehr Segelfläche. Die Devise: Weniger Gewicht — mehr Segel.
Auch der 39jährige Hamburger Routinier, Albert Bull, der mit seiner ersten „Saudade" 1973 sogar das schnellste Schiff segelte, ist seiner bewährten Jacht treu geblieben. Seine zweite, 1975 gebaute, „Saudade" — ihrer Geschwindigkeit und feuerroten Farbe wegen im Branchenjargon mit einer Mischung aus Respekt und Neid kurzerhand" die „rote Sau" genannt — ist auch heute noch up to date. Ohnehin hat Hans Otto Schumann recht, wenn er behauptet: „Da sich die Schiffe nur noch minimal unterscheiden und weitgehend gleichwertig sind, entscheiden am Ende die besser eingespielten Mannschaften. Nicht die berühmten Segler sind letzten Endes bestimmend, sondern erstklassig aufeinander abgestimmte Crews. Gute Schiffe sind natürlich Voraussetzung "
Symptomatisch ist da das Beispiel der BüllCrew. Der erfahrene Hamburger Hochseesegler Albert Bull hat ein Team zusammenbekommeri, in dem Können und Routine eine Einheit bilden. Seit eh und je war es Bülls Prinzip, jungen Seglern den Vorzug zu geben, auch wenn er und Peter Wilkens aus Bremen, der schon 1973 an Bord der ersten siegreichen „Saudade" war, bereits 39 und 40 Jahre alt sind. Dafür bringen diese beiden Blauwassersegler eine gehörige Portion Erfahrung mit ins Schiff. 31 Jahre alt ist diese Crew im Durchschnitt. Rudergänger sind Albert Bull und Willi Kuhweide, der in allen Bootstypen und auf allep Meeren mit allen Wassern gewaschene Finn Olympiasieger und Starboot- und Solingwelt- und Europameister. Die Verpflichtung Kühweides für die „Saudäde" löste in der Branche Respekt und Verblüffung aus. Tatsächlich wird die zehnköpfige Crew der „Saudade", die aus sechs Hamburgern, zwei Bremern und zwei Kielern besteht, durch den Segler und Piloten Kuhweide erheblich verstärkt. Albert Bull sagte: „Was Willi Kuh weide vielleicht noch an Erfahrung auf hoher See abgeht, wird mehr als ausgeglichen durch sein Können in engen, schwierigen Revieren. Im Solent gibt es keinen Besseren als Willi Kuhweide, wenn die Jachten dicht bei dicht liegen "
Trainingsregatten in der zweiten Aprilhälfte ih der Nordsee und vor Kiel und Wettfahrten Anfang und Mitte Mai in der Flensburger Förde sind die Ouvertüre für die „Battle of Solent". Ernst wird es erst zu Pfingsten bei der „NordseeWoche" mit „Rund um Helgoland" und bei der Kieler Woche vom 20 bis 24. Juni Fünfzehn deutsche Hochseejachten werden sich also voraussichtlich an diesen neun Qualifikationsregatten in Nord- und Ostsee beteiligen, unter ihnen drei Neubauten. Eine davon ist die „Champagne", eine 13 Meter Aluminium Rennjacht, Eigeötum des Lübecker Feinkostfabrikanten Peter Westphal Langelo. Diese, nach Plänen des berühmten amerikanischen Konstrukteurs, Douglas Peterson, in San Diego gebaute „Rennziege", geführt von Berend Beilken und seinen bremischen Gefährten, hat ihre Schnelligkeit bereits bei den SORC Regatten vor Florida und Nassau unter Beweis gestellt. Die größten Konkurrenten werden neben der „Rubin" und „Saudade" die Flensburger „Jan Pott" und Dr. Hans Hermann Lubinus (Kiel) schon 1975 im Admirals Cup eingesetzte „Duva" sein. 1975 segelte die „Duva" :weit hinter den beiden anderen deutschen Jachten hinterher, und die Kritik im deutschen Lager war groß. Vor allem Berend Beilken warf der Crew der „Duva" vor, überflüssige Fehler gemacht zu haben.
1977 sieht die Welt ganz anders aus „Mit der Duva müssen diesmal alle rechnen. Denn das ist nicht mehr die Duva c von 1975. Dr. Lubinus hat heute eine eingespielte Mannschaft beisammen, die aus ihren Fehlern gelernt hat und nicht mehr mit der Crew von vor zwei Jahren zu vergleichen ist", behauptet Albert Bull und prophezeit: „Mit der Jan Pott ist es ähnlich. Auf beiden Schiffen sind starke Segler an Bord. Wer diese beiden Schiffe unterschätzt, ist schlecht beraten "
Albert Bülls Prophezeiungen sind kein Understatement. Den deutschen Seglern geht es nicht besser und schlechter als den Engländern und Amerikanern vor allem. Die Konkurrenz im eigenen Lager ist so groß und gut geworden, daß es fast schwerer ist, sich für den Admirals Cup zu qualifizieren, als am Ende vor Südengland einen guten Platz herauszusegeln.
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







