Lesen und Reisen Moskau auf englisch

Eine Enzyklopädie mit manchen Schwächen

Das Konzept allein macht den Wert eines Buches noch nicht aus. Gewiß, es ist kein Luxus, einen Reiseführer durch die Sowjetunion enzyklopädisch anzulegen: neben der Beschreibung der Landschaften und Städte, der Staats- und Wirtschaftsform, des Klimas, des Gesundheitswesens und der Reisebedingungen, etwa auch Skizzen von der nationalen Geschichte zu geben, von Literatur und Kunst, Theater und Film, von der Liberalisierung Zu sprechen seit dem Tode des Grusiniers Stalin.

Es kommt auch darauf an, wie das Konzept realisiert, mit Leben aufgefüllt wird. Da ist in Nagels Enzyklopädie Reiseführer, UdSSR"; Nagel Verlag, Genf, Paris, München; zweite, erweiterte Ausgabe, 1072 Seiten, 6 mehrfarbige und 54 schwarz weiße Karten, 72 Mark so manches Manko unübersehbar. Die Menschen gewinnen kein Profil, statistische und tabellarische Anpeilungen ersetzen noch nicht die Schilderung von Charakter, Temperament, Mentalität, Lebensstil. Wichtiger ist jedoch die Frage der Proportionen und Akzentsetzungen. Gewiß, Moskau ist die 216 Seiten Text wert, und noch viel mehr, wer wollte das schon leugnen. Aber innerhalb eines Cicerone, der sich die Aufgabe gestellt hat, das ganze Riesenreich zu beschreiben (die UdSSR ist neunzigmal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland), sind 216 Seiten, ein Fünftel des Buches, entschieden zu viel. Es überzeugt nicht, daß einzelne Teile der Metropole; Straßen und Plätze, ja einzelne Siedlungen in Moskaus Umgebung mit einiger ungezwungener Breite beschrieben, daß auf der anderen Seite sogar Großstädte zu kurz kommen oder unterschlagen werden. Wladiwostok, die „Beherrscherin des Ostens" am Japanischen Meer, dort, wo die Transsibirische Eisenbahn endet, erhält nur eine halbe Seite Text, das heißt: etwa ein Vierhundertstel von dem, was Moskau konzediert ist. Von Libau, der zweitgrößten Stadt Lettlands (nach Riga), ist der 1072 Seiten starke Band „chemisch rein", einfach nicht vorhanden. Die beim Verlag möglicherweise parate Erklärung, daß man für Libau wohl kein Visum bekommt, zöge nicht, zumal nicht angesichts der Tatsache, daß der Führer sich doch zur Enzyklopädie verpflichtet hat, deren Totalitätsanspruch in Gegensatz steht zu einer momentanen Nutzbarkeit und zu flüchtigem politischen Opportunismus. Ein bißchen ärgerlich sind auch die Nachlässigkeit und die Fehler. Eine „ganze Kleinigkeit" (wie man sich in Hamburg ausdrückt), aber doch schon bezeichnend ist: in der allerersten Zeile der Einführung (Seite 19) wird die Gesamtfläche der UdSSR mit 22 4 Millionen Quadratkilome ter angegeben, zwanzig Zeilen weiter auf derselben Seite (Lektor und Korrektoren müssen wohl geschlafen haben) sind es nur noch 22 3 Millionen. Das Ärgerlichste sind die Pläne und Karten. Sie sind durchweg englisch (oder mal französisch), nicht deutsch Auf dem Moskau Plan etwa, Verzeihung: Moscow Pla n, findet man dementsprechend keine Straße oder keine (russisch) uliza, sondern, ganz widersinnig, street. Ist es dem Verlag nicht wert gewesen, die Pläne umzeichnen zu lassen? Damit hängt das Unglück der Transliteration von Ortsnamen zusammen, sie findet zumeist auf dem unsinnigen Umwege über das Englische statt. Für Charkow (wie es richtig im Text steht) findet man auf der Karte „Khardas Auffinden von Ortschaften für manchen Leser sehr erschweren.

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Ein prominenter kasachischer Dichter wird auf Seite 79 Dschambul Dschabajew genannt, auf Seite 807 heißt er Dzambul Dzambajew, "also: zwei verschiedene Systeme der Transliteration, zwei verschiedene Nachnamen, das geht durcheinander wie Kraut und Rüben. Doch damit nicht genug, auf Seite 79 stirbt der Autor mit 99, auf Seite 807 ist er offenbar noch weiter gealtert, da stirbt er mit 100 Jahren.

Ein Haufen, Unzulänglichkeiten. Aber auch unzählige wertvolle Informationen, so daß man doch nochsagen darf: ein nützlicher Reiseführer.

 
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