Psychologie Ohne Aggressionen

Selbstvertrauen kann man lernen

Das Gefühl, in vielen Bereichen des Alltags nicht das „bringen" zu können, was gefordert wird, scheinen immer mehr Menschen zu haben. Und dieses Gefühl der Unzulänglichkeit erklärt wohl auch den sogenannten „Psychoboom". Lebenshilfen und Lernprogramme für alles und jedes, für Karriere, Ehe, Erziehung, für produktives Denken, optimales Lesen, kreatives Problemlösen und so weiter versprechen Hilfe bei Überforderung durch die Leistungsgesellschaft. Rezeptbücher, wie „man sich nicht mehr alles gefallen läßt", wie man „mehr Gesundheit, mehr Jahre, mehr Glück" erreicht, sind Bestseller , Noch hat keine „Stiftung Warentest" die Ware „Psycho Hilfen" begutachtet, aber das Prädikat „nicht empfehlenswert" müßte sehr oft vergeben werden. Vieles ist nur so zusammengeschludert, wird aber von der Psycho Welle mit hochgeschwappt.

Bemerkenswert, weil seriös, ist daher eine Neuerscheinung, die kürzlich in München präsentiert wurde. In mehr als siebenjähriger Erprobung hat das Psychologen Ehepaar Rita und Rüdiger Ullrich das Lernprogramm „Einübung in Selbstvertrauen und soziale Kompetenz" erarbeitet. Den beiden ist es gelungen, Prinzipien und Erkenntnisse der Lernpsychologie in ein planvolles, auch vom „Patienten" durchschaubares Lern- und Kommunikationstraining umzusetzen. In erster Linie ist dieses Programm für solche Menschen konzipiert, die in einen „Teufelskreis psychischer Fehlsteuerung" geraten sind. Neurosen, die Produkte solcher Fehlsteuerungen, verstehen die Autoren als Vermeidungsversuche: Man geht Konflikten im Umgang mit anderen Menschen ängstlich aus dem Wege. Da will man sich zum Beispiel von einem Freund nicht anpumpen lassen, weil man in jedem Falle glaubt, falsch zu reagieren: Man gibt zu schnell nach und ärgert sidi dann über die Chuzpe des anderen und über die eigene Schwäche, oder man wehrt aggressiv ab, und es gibt Streit und beiderseitige Verbitterung, oder man zieht sich völlig zurück von allen potentiell - „riskanten" Sozialkontakten und endet in Isolation und Depression. Diese Reaktionsweisen sind typisch für Menschen mit mangelndem Selbstvertrauen. Das unangemessene Verhalten beim Umgang mit anderen verstärkt dieses Gefühl der Unsicherheit noch mehr, aus Angst vor Kritik und Ablehnung ziehen sie sich immer mehr zurück: Der Teufelskreis ist geschlossen. Wie kann man solche Verhaltensweisen abbauen, und wie lernt man, angemessener zu reagieren? Und das auch noch in möglichst kurzer Zeit? Das „Assertive Training", wie das Ullrichsche Lernprogramm nach seinen amerikanischen Vorläufern auch genannt wird (assertive = selbstbewußt, selbstsicher), gibt darauf eine Antwort, die im Vergleich zu anderen Psychotherapien, etwa der Psychoanalyse, viel ökonomischer ist. Danach werden jene Fertigkeiten eingeübt, die der Patient in seiner Vergangenheit am schmerzlichsten vermißt hat.

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Pas Training sozialer Kompetenzen findet in Gruppen stats die Konfliksituationen durchspielen, und zwai- so lange, bis das Verhalten der Mitglieder für „realitätstauglich" gehalten wird. Dabei geht es nicht darum, sich bloß einen starren Katalog von Standard Verhaltensweisen anzutrainieren, die — quasi auf Knopfdruck — in einer bestimmten Situation abgespult werden sollen. Wichtig ist, und hierin unterscheidet sich das Lernprogramm, von den „Rezeptbüchern", daß jeder lernt, flexibel und kontrolliert zu reagieren. Das setzt allerdings die Fähigkeit zur „sozialen Diagnose" voraus, Situationen müssen so durchschaut werden, daß man aus einem Gefühl der Souveränität heraus handelt („Wenn ich wollte, könnte ich jetzt aggressiv werden, aber ich wills mal im Guten probieren ") Ein ehemaliger Patient, der das Ullrichsche Lernprogramm absolviert hat, schildert dieses Gefühl der neuerworhenen Souveränität so: „Ich fühle mich nicht mehr als Spielball der Ereignisse, ich kann endlich selbständig und überlegt handeln. Ich habe einen Spielraum gewonnen " Und ein anderer sagt: „Ich habe aus vielen Büchern und aus eigener Überlegung heraus schon gewußt, was mit mir los ist, was ich anders machen sollte. Aber das reichte nicht aus. Erst jetzt habe ich das Gefühl, mein Wissen auch in die Tat umsetzen zu können "

Mit anderen Worten, den Worten der klinischen Psychologie: Es ist eine Sache, ein Erklärungswissen, ein plausibles Modell für psychische Probleme zu haben; eine andere ist es, vom Erklärungswissen zum Veränderungswissen zu gelangen. Das Aufdröseln von konflikthaften Situationen nach „wenn — dann" Beziehungen eröffnet einen Weg, Verhalten in seinen sozialen Zusammenhängen zu begreifen.

Obwohl das Buch der Ullrichs auch für die „Heimarbeit" konzipiert ist, ist das assertive Training erst in der Gruppenarbeit erfolgreich. Doch die Möglichkeit, an einer solchen Gruppe teilzunehmen, ist im Augenblick beschränkt: Die Krankenkassen bezahlen seit August vergangenen Jahres keine Psychotherapie mehr, die von einem Psychologen geleitet wird. Und Ärzte haben weder die Zeit noch die Vorbildung dafür. Wer sich also die Teilnahme an einer Gruppe nicht leisten kann, muß sich entweder bis zum Herbst 1978 gedulden, wenn ein „Psychologengesetz " vom Bundestag verabschiedet werden wird, in dem die Tätigkeit der klinischen Psychologen und die Möglichkeit ihrer Kassenzulassung geregelt ist, oder er muß sich auf die Eigenarbeit mit dem Buch beschränken. Heiko Ernst

 
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