Opfer seines Appetits
An der Pariser Börse tat sich. Wundersames. Nach rnoriatelanger Talfahrt schnellten die Aktien der Jacques Borel International SA unvermittelt in die Höhe. Noch wundersamer aber war die Ursache der Hausse: Jacques Borel, Frankreichs Freß- und Bettenkönig, wurde von seinem Thron gestürzt und mußte sein Imperium aufgeben — zur großen Erleichterung der Börsianer - Eigentlich sah Borels Planung ganz anders aus. Erst vor kurzem hatte er zu Protokoll gegeben: „Ich werde am 9. April 1992 um 17 Uhr aufhören, weil ich an diesem Tag 65 werden Doch das war nun einer der unzähligen strammen Sprüche, um die der kleine Mann mit der Nickelbrille und dem akkurat gezogenen. Scheitel nie verlegen war „Man muß Profite ausspucken", hieß sein Geschäftsprinzip. Und ohne falsche Komplexe verkündete er: „1980 werde ich die Nummer eins in Europa sein "
Jetzt schickten ihn seine Bankiers in die Wüste. Obwohl sich der ehemalige Computer Verkäufer kurz zuvor bei einem ihrer prominentesten Vertreter in aller Form für sein loses Mundwerk entschuldigt hatte. Einem Buchautor hatte er seine wenig schmeichelhaften Erkenntnisse über Frankreichs Bankiers anvertraut; Das Maß war voll. Es half Borel nichts mehr, daß er sich zu einem peinlichen Schuldgeständnis in dem Boulevardblatt France Soir bereiterklärt hatte. Natürlich hätte sich das Energiebündel nie auf so schnöde Weise von seinen Finanziers abservieren lassen, wäre er ihnen nicht ausgeliefert gewesen. Nach schwindelerregendem Wachstum war seine Restaurant- und Hotel Gruppe 1976 tief in die roten Zahlen geraten. Der Gewinn von 20 Millionen Francs im Jahre 1975 verwandelte sich plötzlich in einen Verlust von 50 Millionen. Borel muß das schwer zugesetzt haben, hieß doch seine Lebensphilosophie: „Wenn ich Geld verliere, bin ich krank, also mache ich Gewinne, meiner Gesundheit zuliebe "
Der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg Borels begann 1957 mit der Übernahmeeines bescheidenen Selbstbediemmgsrestaurants (DurchSchnittspreis für ein Mittagessen 5 57 Francs). Zwei Jahre später stieg der „billige Jakob" in die Versorgung von Großkantmea em und servierte mit seiner: Massenspeisung das Motto: „Ich verkaufe keine Suppe, ich verkaufe Glück "
Das Glück verkaufte sich in der Taic bestens. Aus dem bescheidenen Restaurateur wurde schnell ein Verpflegungsmanager großen Stils. Seine Shimpy Kette brachte trotz minimaler Qualität maximale Umsätze — dank unschlagbarer Preise. Ausländische Banken (unter ihnen die Westdeutsche Landesbank) und der amerikanische Konzern W. R. Grace sorgten für die Finanzierung der Expansion im In- und Ausland.
Borel entwickelte einen ausgesprochenen Riecher für Kundenfallen. Als er zum erstenmal ein Lokal in einem Einkaufszentrum aufmachte, erklärte er seine Strategie so: „Da kann man sich nur in Schuhgeschäften, auf Klos und bei Jacques Borel hinsetzen. Auf dem Klo kann man nicht ewig bleiben. Im Schuhladen auch nicht, außerdem muß man da etwas kaufen. Bei Borel dagegen kann man sich für einen Franc etwas bestellen und solange ausruhen, wie man will " Fachmännisch erkannte Borel auch, daß der Ausbau des französischen Autobahnnetzes vorzügliche Standorte für Schnellgaststätten bot. Seine für mäßige Qualität und raschen Service gleichermaßen bekannte „Restoroute" Kette hat sich heute in ganz Frankreich ausgebreitet. Doch Borel legte auch Wert auf einige Restaurants der gehobenen Klasse, um etwas fürs Image zu tun. Eine seiner besseren Adressen: Das Bonner Bundestagsrestaurant.
Im Juli 1972, ein Vierteljahr nach Einführung der Borel Aktie an der Pariser Börse, öffnete dann das erste Borel Hotel seine Tore. Fünf eigene Häuser genügten dem Dynamiker um jeden Preis aber bald nicht mehr. Auf einen Schlag erwarb er die Sofitel Kette und ihre 16 LuxusHerbergen. Der dazugehörige Borel Spruch: „Wir werden 1980 Europas größte Vier Sterne Hoteliers sein. Natürlich müssen da ein paar Holiday Inns zumachen "
Doch Borel wurde ein Opfer seines Appetits. Im April 1976 erlebte die Borelaktie einen spektakulären Sturz, da die Finanzprobleme nicht mehr zu übersehen waren. Im Stile eines Industriemagnaten zeigte sich der Mann mit dem Schnauzbart an der PariserBörse und versprühte soviel Zuversicht, daß die Kurse zumindest zeitweilig wieder nach oben tendierten. Als sich allerdings Millionenverluste einstellten, war klar, daß sich Borel zumindest mit seinem Hotelengagement übernommen hatte.
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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