Buddha für Europa Ping-pong: peng!
Gerhard Szczesnys neue Botschaf t für „Macher" Von Frangois Bondy
In den Büchern des Popensohns E. M. Cioran ist von Buddha häufiger die Rede als von Jesus oder den Kirchenvätern. Der englische NationalÖkonom deutscher Herkunft F. E. Schumacher („Es geht auch anders") sieht im Buddhismus Ansätze für eine moderne volkswirtschaftliche Praxis Über Schopenhauer und seine Nachwirkung, die, wenngleich weniger sichtbar, vermutlich nicht geringer ist als diejenige Hegels, drang viel buddhistische Einsicht in unsere Geisteswelt. So ist Gerhard Szczesny kein Einzelgänger, kein Sektierer, wenn er uns jetzt die Botschaft des Gautama nahebringt in seinem Buch — Die Lehre, die zwei vom Autor erfundene Erleuchtete, der aus Rußland stammende Sugata und der mütterlicherseits deutschblütige Prinz Lankavira verkünden, darf mit modischen amerikanischen Kulten wie „Hara Krishna", die Verkündung des Reverend Moon oder des Maharishi nicht verwechselt werden. Auch hat Szczesny der „Zukunft des Unglaubens" nicht etwa im Buddhismus eine neue Waffe gegen das (von ihm ungeliebte institutionalisierte) Christentum gesucht. Buddhismus ist zwar auch ein Glaube, aber in Szczesnys Buch ist er es als beispielhafte Haltung; nicht als Absage, an die Welt und ihre Trugbilder, sondern als Verbindung von innerweltlicher Engagiertheit mit Erfahrung des Sinnes jenseits des „Machbaren".
Dieses Buch, das zugleich Botschaft und Bericht über eine Botschaft ist, hat zwei Teile: die Aufzeichnungen des Erzählers und die neun Gespräche in Ceylon zwischen den beiden „Erleuchteten". Diese Gespräche sind weniger Dialog als Duett. Der Prinz und der Mönch sind sich über alles einig, doch weiß der greise Sugata viel mehr und teilt dem Fragenden seine Erkenntnisse mit. Für dieses Ausschalten einer noch so stilisierten Kampfsituation gibt es im ersten Teil eine Entsprechung: Prinz Lankaviras Kritik am Tischtennisspiel seiner Gäste. Es ist nämlich auf den Sieg eines der Spieler ausgerichtet, statt auf eine Ballettsituation, in welcher jeder dem anderen die Bälle so zuspielte, daß der „Partner sie besonders elegant zurückgeben kann. Das nämlich wäre buddhistisches Pingpong. Mit diesem Streben nach Kpnfliktlqsigkeit wirkt aber die Botschaft nicht nur untragisch, sondern auch undramatisch. Falls Drama ein tiefes menschliches Bedürfnis ausdrückt, müssen wir uns damit abfinden, daß der „Buddha für das Abendland" es nicht kennt. Ich will versuchen, meine Verlegenheit gegenüber diesem Buch zu begründen, dessen" Inhalt alle Aufmerksamkeit verdient.
Ein Anruf, der — auch ohne Metaphysik, ohne Jenseits — religiöser Natur ist, stellt ein Problem der Form. Um von der gedankenlosen Banalität zu Offenheit gegenüber der Sinnfrage zu gelangen, müßten wir von der Sprache so gerührt werden, wie wir es von den Reden des Gautama Buddha sind. Dem stellt sich die Rahmenerzählung in den Weg: Sie ist blumig, geschmäcklerisch, irritierend. Da ist der Graf Kanin, seine Tochter, die den Prinzen liebt; „ein schlank aber kräftig Prinz, der im Lauf eines Vertrags einundvierzig europäische Denker hintereinander aufzählt (Seite 111). Da ist das Schloß mit der berühmten Sammlung von Gandharakunst. Der Graf ist ein Mäzen; der Prinz stammt aus einer Familie von Großgrundbesitzern mit Teeplantagen. Wir bewegen uns auf der Menschheit Höhen, und die Vergeistigung nimmrsich aus wie ein zusätzlicher Luxus. Kein erzählerisches Detail wirkt notwendig, ist anderes als Dekoration und Verpackung. Wenn die Fabel uns die Lehre kurzweiliger machen sollte, so erreicht sie das Gegenteil.
Vielleicht sollten, um der Größe der Einsichten willen, die kleinen Mißgriffe der Darstellung übersehen werden. Doch was ist „groß", was ist „klein"? Der Boddhisatvavata weiß von der Austauschbarkeit dieser Begriffe.
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- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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