Rotes Märchen mit blauen Augen

Die Leute protestierten nicht. Sie hörten einfach auf zu atmen, als der „nette" junge Mann, adrett gescheitelt, gestutztes Schnurrbärtchen, in rot geschlitzten Jeans, der Freundin den Tod seines — bisher— liebsten Wesens auf der Welt klagt: „Der Hund war mir beim Arsch lieber wie meine Eltern beim Gesicht " Die plötzliche Atemlosigkeit des Schocks kam immer wieder über die Besucher der Uraufführung des (seit einem Jahr vorliegenden) „bürgerlichen Schauspiels" von Franz Xaver Kroetz in Leipzig, das der 1946 in München geborene Dramatiker nach Hebbels „deutschem Trauerspiel" von 1851 „Agnes Bernauer" nennt. Immer wenn Familien Mitglieder, Liebende einander mit solchen Worten bedenken: „Hurensau", „Dreckshure", wenn ein junger Mann „sein" Mädchen fragt: „Weißt du, was Selbstbefriedigung ist?" wenn das Mädchen „vergewaltigt" wird, vernimmt man das in westdeutschen Theatern kaum noch zu hörende Seufzen aus Trauer, Schrecken, Prüderie, gefolgt von atemlosem Schweigen. Unvorstellbar, daß ein Autor aus der DDR solche Sätze inszeniert bekäme. Aber der Mann, der nach drei Premieren Stunden auf die Bühne hüpft, in Leder Stiefeln, blondes Langhaar über der Silberfassung der großen blaugetönten Brille, trägt am Aufschlag des Jeans Anzugs den roten Wimpel der (westdeutschen) DKP. Der Genösse Kroetz hat es auch fertiggebracht, daß zur Uraufführung seines im Westen bislang vernachlässigten Stückes fast ebenso viele Kritiker aus der Bundesrepublik anreisen dürften wie aus der DDR.

Wie sprechen die Geschöpfe von Kroetz zu uns, wenn sie ih den Zwei, Drei, Vier PersonenStücken (fast) stumm sind! Jetzt, da in 27 Szenen von fünf Akten mehr als ein Viertel Hundert Figuren das Maul aufreißt: wie sprachlos ist das redselige Stück.

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Kroetz träumt blauäugig ein rotes Märchen: Prinz und Aschenputtel. Der sensibel lebensuntüchtige Sohn (Einzelkind) Albrecht Werdenfels aus neureichem Haus verliebt sich iö die arme Tochter Agnes des bankrotten Friseurs Bernauer im schwärzesten Franz Josef Land „in der Nahe von Straubing". Liebe zwischen oben und unten: dies ist, neben den Namen Albrecht und Agnes, einzige Erinnerung an Kroetzens Auseinandersetzung mit Hebbels Drama. Die jungen Leute sagen sich los vom ausbeuterischen RosenkranzFabrikanten Werdenfels, der im Schloß über dem Dorf thront. Wie Joseph und Maria ziehen die beiden in die Hütten der. Armen, damit dort ihr Kind zur Welt kommt.

Spätestehs hier zeigt sich, wie verlogen das Stack ist. Kroetz ist in Gefahr, den Kontakt zum sogenannten einfachen Volk zu verlieren; den hatte er, als er noch nicht die Fibel der Partei buchstabierte, in „Männersache", in „Stallerhof". Die Wahrheit jener einsilbigen Stücke gibt er her für ein „schönes", aber (selbst DDR Bürger) nicht überzeugendes „Programm". Der sympathische Anwalt von Unterdrückten und Minderheiten, der im Leipziger Programmheft den Satz wagt: „Es ist ja nicht so, daß man als Kommunist kein Mitleid mehr hätte oder haben dürfte, das wäre doch barer Unsinn", erfindet ein ganzes Dorf von ausgebeuteten Familien, die in Heimarbeit Rosenkränze winden für den im Schloß residierenden Herrn Werdenfels, der so klein angefangen hat wie die Dörfler. Selbst Kroetzens Sympathisanten in der DDR fragen im Programmheft, ob es dieses „Ausmaß des krassen Elends in den Heimarbeiterfamilien" wirklich gebe. Daß solche Mehrarbeit (meistens) nicht zur Stillung des Hungers, sondern zur Erfüllung außergewöhnlicher Wünsche geleistet wird, ahnen selbst Kroetz Fäns in der DDR. An solchen Schwachstellen leidet die ses Stück, wo immer man es anfaßt.

„Agnes Bernauer" ist ein Drama, mit dem Kroetz seinen Weg sucht von den knappen Stükken sprachloser Außenseiter, die ihn berühmt gemacht haben, zu einer neuen Form von Drama mit mehr Personen und argumentierendem Dialog. In vielen sprachlichen Erfindungen, im zentralen Konflikt (der nur nicht in „Schloß" und Kate auf die Bühne gebracht werden müßte), erweist sich Kroetz auch hier als begabter Autor. Auch wenn „Agnes Bernauer", in der unglückseligen Mischung aus Realismus und Kitsch, aus. vager Sozialkritik und sentimentaler Liebesgeschichte auf dem Theater wenig Glück haben wird, ist der Leipziger, Versuch ehrenwert: Auf einer Bühne der Bundesrepublik hat ein Stück wenige Chancen, von dem der Autor selber sagt: „Hier gibt es nur Extreme, Übersteigerungen. Wer das Stück im Sinne von wirklichkeitsgetreu als ein realistisches verstehen will, ist im Irrtum " Die Inszenierung des Leipziger Intendanten Karl Kayser spiegelt kaum mehr als die Verlegenheit gegenüber einem Stück, mit dem die DDR wenig anfangen kann. Wichtig ist, daß eine Bühne dieses Märchenspiel wagte. Denn Kroetz ist auch nach diesem Fiasko einer der wichtigsten, begabtesten Autoren des deutschsprachigen Theaters.

 
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