Schwarze Komödien vom toten Leben

Ernst Barlachs „Anner Vetter" in Frankfurt, Köln und Basel Von Rolf Michaelis

Eine schöne, eine wichtige Entdeckung ist in diesen Wochen an drei deutschsprachigen Theatern zu machen. Nach Jahren, in denen seine acht gedankenschweren, sprachverknäuelten Stücke endgültig versunken zu sein schienen, zeigt sich: Barlach ist spielbar und — um den Kalauer des Wortspielers aus dem mecklenburgischen Güstrow zu zitieren: „Barlach ist lachbar".

Gleich drei Theaterleute, aus Italien, aus der DDR, aus der Bundesrepublik — Roberto Ciulli, Adolf Dresen, Frank Patrick Steckel —, alle drei nicht als Spintisierer, sondern als Regisseure kritischer Vernunft bekannt — gleich drei Männer mit eher „linken" Neigungen schaffen einem Stück Gehör, das — als Auferstehungs Spiel, als Läuterungs Drama — geneigte Zuschauer eher „rechts" finden müßte und dessen Titelfigur Hans Iver sich aus dem Leben schießt mit den Worten: „Aber wo läuft dies alles hin: mehr rechts — mehr links, das ist die Frage. Aber es muß ja gar nicht gelaufen sein, es gibt nicht rechts, es gibt nicht links mehr. Gott, ich danke dir Gott, daß du das alles von mir losmachst. Es gibt bloß noch hinauf, hinüber, trotz sich — über sich "

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Vor wenigen Jahren noch wären solche Sätze ohne Protest, ohne Gelächter kaum über die Rampe gekommen. Und doch waren sie vor sieben Jahren zuletzt zu hören — in Darmstadt. Schon damals hatte Hans Bauer, wie bereits 1967 in Barlachs „Blauem Boll", die realistischen und komischen Züge herausgearbeitet, die bis dahin in Gefahr waren, hinter dem Schwulst gleichnishafter Weihespiele zu verschwinden.

Was Hans Bauer vor seinem frühen Tod entbehren mußte, hat die neue Bemühung um Barlach: die Gunst der Stunde. In einer Zeit politischer Ernüchterung, in der Erschlaffung nach dem (oft nur rhetorischen) Aufschwung zu sozialen Reformen, nach einer Phase politisierender Lehrstücke, in der Phantasie weniger Heimatrecht auf der Bühne hatte als rationale Argumentation, haben Theaterleute — und Zuschauer — Lust auf Stücke, die in Bildern denken, die irrationale Energien wecken „Ich schäme mich, davon zu sprechen, denn ich weiß nichts Besseres als du, aber es muß etwas Besseres geben", sagt Fräulein Isenbarn, die weibliche Hauptfigur im „Armen Vetter", und sie könnte den Wunsch ihres in den Tod gehenden Seelenbräutigams Hans Iver nachsprechen: „Es soll anders werden "

Auch dies gehört zur Gunst der Stunde für Barlachs zweites Stück: Ein Publikum, das Emanzipations Argumente und Feminismus Debatten kennt, macht es sich nicht mehr so leicht, Fräulein Isenbarn als hysterisches Frauenzimmer oder als Gottesbraut von sich fernzuhaltenAus solchen Sätzen hört man heute erst einmal ganz reale Klagen einer jungen Frau, die Angst hat, vor lauter Anpassung ihr eigenes Leben zu verfehlen: „Ich lebe nicht, ich bin nicht, wenn das Täuschung ist, was ich von dem Menschen weiß . Aber du begräbst einen Teil von mir, du schüttest zu, was du verschmähst. Ich will dir sagen, wie mir das Wasserplantschen hinter derSchiffswand vorkomnt: wie das Ziehen und Sausen des Bluts in den Adern des größeren Lebens um uns, in dem wir treiben . Müßte man sich nicht schämen, ein so elendes Leben zu führen? . Heute fühle ich die Möglichkeit von dem Ändern, dem Besseren "

Sehnsucht nach dem Ändern, dem Besseren prägt Barlachs Theater des Traums. In einer Phase neuen Mystizismus liegt der Verdacht nahe, Barlach werde von jenen Dunkelmännern usurpiert, die mit christlichen oder existentialistischen Auslegungen das dramatische Werk verstellen. „Der geistige Grundvorgang des Dramas ist die wachsende Exkarnation des wesenhaften Menschen" — auf diese Rätsel Formel bringt Herbert Meiers „Studie zu den Dramen" 1963 Barlachs „Armen Vetter".

Von solchen Rückgriffen auf alte Interpretationsmodelle halten alle drei Regisseure nichts. Da es eine Aufführungstradition bei einem Autor nicht gibt, dessen bildnerisches und schriftstellerisches Werk von den Nazis als „entartete Kunst" verboten wurde, das nach Gustav Rudolf Sellners und Hans Lietzaus stilisierenden Inszenierungen in Darmstadt und Berlin seit anderthalb Jahrzehnten von deutschen Bühnen fast völlig verschwunden ist, haben alle drei Regisseure die Chance" eines neuen, unbefangenen Zugangs zu dem Drama — und nützen sie.

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