Menschen vor dem Richter Senatsdirektor im Vollrausch
Kein Ruhmestag für die hamburgisehe Gerichtsbarkeit / Von Jost Noite
Gegen 20 30 Uhr am 14. August 1975, einem wirklich heißen Hochsommertag, hatte der Senatsdirektor Dr. Harald Pieper, damals 48 Jahre alt und Leiter des hamburgischen Strafvollzugs, genug vom Tagesärger und genug von den Akten. Er stand vom Büroschreibtisch auf, ging zum Schrank, entnahm ihm die Rumflasche und schenkte sieh dreimal ein: 38prozentiges, nach Gaststättenmaßen nicht geknausert, aber auch nicht doppelt. Dann verließ er das Dienstzimmer und setzte sich in seinen Wagen. Durch den Kopf spukte ihm eine Anzeige, die er in der „Bildzeitung" gelesen hatte. Ihr Text: „Tilbury Club — Heiße Nächte mit netten Girls — Heute Bikini Party "
Der Tilbury Club an der Erikastraße in Hamburg Eppendorf ist inzwischen ausgebrannt, und leergebrannt ist auch das Gedächtnis des Senatsdirektors Dr. Harald Pieper. Er weiß beim besten Willen nicht mehr, wie er die Zeit bis 22 15 Uhr verbracht hat, als e endlich in dem Nachtlokal eintraf. Er weiß nicht mehr, daß er dort neben der Animierdame Trixi Platz nahm, sie zu Sekt mit Orangensaft einlud und selber drei schottische Whisky trank. Er kann sich nicht erinnern, daß er mit Trixi über einen Chemiekonzern plauschte, in dem er angeblich eine bedeutende Stellung bekleidete und wo er auch seiner neuen Bekannten einen guten Job verhieß. Es ist ihm total entfallen, daß er Trixi plötzlich aufforderte, ihn zu küssen, daß er sie grob anrempelte, als sie ihn auf später vertrösten wollte, und daß er zur Kasse gebeten würde, weil die Szene auffiel. Vor allem aber ist ihm die Sache mit seiner Dienstpistole, Modell Walther PP, Kaliber 7 65, völlig aus der Erinnerung entschwunden.
Diese Waffe nämlich soll Pieper unverhofft in der Hand gehabt, durchgeladen, auf eine oder mehrere Personen gerichtet und abgedrückt haben. Effekt: ein oder mehrere klickende Geräusche, aber kein Schuß, der gegebenenfalls Körperverletzung oder Mord bedeutet hätte. Der Senatsdirektor Dr. Pieper ist ein durch und durch ordentlicher Mensch, das Inbild eines höheren Beamten. Er hat alles geregelt. Zum Beispiel steckt er seine Autoschlüssel immer in die linke Hosentasche. Nur wenn er etwas trinken will und folglich weiß, daß er dann nicht mehr ans Steuer darf, steckt er die Schlüssel in die rechte Außentasche seines Jacketts. Seine Börse trägt er immer in der rechten Gesäßtasche, und bei Dienstbezügen von brutto 7000 Mark ist es äußerst unwahrscheinlich, daß er an jenem Augustabend des Jahres 1975 nicht genug Geld bei sich hatte, um die Zeche von rund achtzig Mark zu begleichen, was den Griff nach der Pistole vielleicht erklärt hätte.
Dem entspricht eine geregelte Karriere. Harald Pieper machte 1952 sein erstes juristisches Examen und fünf Jahre später das zweite. Seine Dissertation schrieb er über das Straßenverkehrsrecht, speziell über die Flucht nach einem Verkehrsunfall. Nach kurzer Zeit im Büro eines bekannten Rechtsanwalts folgte er, so seine Worte, dem Angebot, in den Staatsdienst zu treten „Im Zuge des Kennenlernens der Behörden" durchlief er, wie er sagt, das Personal- und das Sportamt des Senats, der seinerzeit die Bedeutung der „Human relations" für die Behördenarbeit entdeckte. Pieper wurde auserkoren, diesbezüglich an der Verwaltungsschule zu lehren und später das Verwaltungsseminar zu leiten. Er ließ „auftragsgemäß die Gedanken des Personalamts in die Ausbildung der Beamtenschaft fließen". Seine wichtigste Aufgabe: die „zwischenmenschlichen Belange mehr zu berücksichtigen, als es früher üblich und notwendig war".
Wer versucht (wie es hier geschieht), die Sprache des Senatsdirektors Pieper nachzuempfinden, gerät schnell in Verlegenheit. Es ist eine bis zur Erstarrung geregelte Sprache, die noch schlimmer anmutet, wenn es um Privates geht. Es mag ja 1sein, daß man sich mit ihrer Hilfe eines Tages zum Leiter eines Strafvollzugs aufschwingt, dessen fortschrittlicher Charakter gleichermaßen gerühmt und gescholten wird. Aber kann man mit ihr leben?
Eine wichtige Rolle spielen Piepers Trinkgewohnheiten. Als er im Tilbury Club mit der Pistole gefuchtelt hatte, kam die Polizei und bat zur Blutprobe. Festgestellt wurden 2 6 "Promille, von denen 1 6 bis zwei Promille schlichtweg unerklärlich waren, wenn Pieper tatsächlich nur die drei Glas Rum zu sich genommen hatte. Allenfalls konnte man auf einen, heimlichen „Sturztrunk" schließen, bei dem in kürzester Zeit eine Unmenge Alkohol vertilgt wurde. Eine zweite Möglichkeit war ein beträchtlicher Alkoholgrundpegel, mit dem Pieper dann vermutlich nicht nur an diesem Abend herumlief. Beides aber wies der Mann mit der Pistole weit von sich. Seine Selbsteinschätzung: jjch bin ein ganz normaler Trinker "
Damit meint er, daß er in Lokalen für gewöhnlich nur drei Glas scharfe Getränke bestellt und dann von ihnen einen „vernünftigen Gebrauch" macht, nämlich an ihnen „nippelt". Aus früherer Zeit, als er die Jugendgruppe eines Segelvereins aufbaute, ist ihm freilich auch die Redensart „Da haben wir uns tüchtig die Nase begossen" nicht fremd. Er zitiert sie mit deutlich vernehmbaren Anführungszeichen. Einen triumphierenden Ton aber erlaubt er sich, wenn er über „fröhliches Zechen" im Kollegen- und Freundeskreis berichtet, bei dem es selbstverständlich mit Anstand zugegangen ist — „schon mit Rücksicht auf die anwesenden Ehefrauen". Was wir darunter zu verstehen haben, erläutert ein Leumundszeuge, der irgendwann mit Pieper nach Schweden gefahren ist, um dort Strafanstalten zu besichtigen. Zum Programm gehörte ein Abend in der Stockholmer Altstadt, und zu vorgerückter Stunde fing man an zu singen, „wie dies ja bei Deutschen immer geschieht". Pieper erwies sich als „ein begeisterter Stimmführer, was allgemein Bewunderung erregte". Für dieses freundliche Zeugnis revanchiert sieb Pieper sofort mit einer eigenen Erinnerung. Er sei, sagt er, einmal bei diesem Kollegen zu Hause eingeladen gewesen, und auch dabei sei es lustig zugegangen. Wprtlich: „Ich stelle nur das Stichwort Senf in den Raum Ob damals mit Senf geworfen oder was sonst mit diesem Genußmittel geschah, bleibt leider unerklärt, denn Piepers Verteidiger winkt ab.
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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