Sieben ziehen an einem Strang
Über den „Sieger" der Londoner Gipfelbegegnungen, sofern esdenn einen gab, werden die Wettridrter der öffentlichen Meinung sich noch eine Weile streiten. Doch wer der interessanteste Teilnehmer beim Marathon der westlichen Staatenlenker war, steht außer Frage. Auf Jimmy Carter konzentrierten sich nicht nur die meisten Kameras und> Blitzlichter, er war nicht nur der vielbeklatschte Star "der Zuschauer, die Anziehungskraft des neuen Präsidenten provozierte selbst in der britischen Regierung Unruhe „Wenn wir wichtig genug sind, in diesem Kabinett zu sein", wurde Premier Cällaghan laut einer Londoner Zeitung von seinen erzürnten Kollegen gefragt, „warum sind wir dann nicht wichtig genug, um Jimmy Carter zu treffen?" Gipfel Gastgeber Callaghan gab sich salomonisch und lud sein Kabinett zum Aperitif vor dem 1 Mittagessen derGroßen Sieben. Zumindest Energieminister Benn ließ sich nicht zweimal bitten. Er notierte prompt in seinem Terminkalender: „Drinks mit Präsident Carter, Lancaster House, 12 30 "
Die Gelegenheiten zu geselligen Kontakten waren rar in der Downing Street. Der Londoner Kongreß verzichtete auf frohsinnige Ablenkung; getanzt wurde schon gar nicht. Wen diese Abstinenz gewurmt haben mag? Vielleicht den lebenslustigen Premier Kanadas, der im beigen Cord mit roter Rose im Revers der einzige Farbtupfer zwischen dem Grau und Blau seiner Mitstreiter war. Selbst die Versuche Callaghans, die Runde zu den ungezwungeneren Umgangsformen der Angelsachsen zu bewegen, scheiterten alsbald an den gesetzteren. Manieren der Mehrheit: Das „Helmut" Jimmy Carters an des Bundeskanzlers Adresse blieb ein zaghafter Versuch. Giscard, Andreotti oder gar Fukuda wurden gar nicht erst in die zwischenmenschlichen Lockerungsübungen einbezogen. Ein Diplomat erklärte auch warum: „Wer würde wohl im Gespräch mit dem japanischen Regierungschef die Anrede Takeo über die Zunge bringen?"
Trotz dieser Scheu vor Intimitäten lag kein Unmutsnebel über dem Londoner Gipfel. Die allgemeine Stimmung war gehoben. Sogar der Bundeskanzler hatte endlich wieder einmal Grund zum Lächeln. Das Kommunique des SiebenerTreffens bestätigte dem zu Hause oft gescholtenen Propheten, daß sein Wort in Wirtschaftsfragen zumindest draußen viel Gewicht hat. Die Abschlußerklärung liest sich stellenweise jedenfalls so, als ob Helmut Schmidt sie geschrieben habe. Auf der Krisenkonferenz von Puerto Rico galt er im Vergangenen Juni noch als einsamer Rufer; jetzt wird seine Warnung vor der Inflation von allen ernstgenommen. Im Kommunique heißt es lapidar und deutlich: „Inflation vermindert Arbeitslosigkeit nicht. Im Gegenteil: Sie ist eine ihrer wichtigsten Ursachen Das ist die Handschrift des Kanzlers, der sich bei einer abschließenden Bewertung auch ohne falsche Bescheidenheit zu ihr bekannte.
Der Tenor des Papiers verdeutlicht, daß unk5usche Ansinnen an die Bundesregierung in London keine Chance hatten. Noch kurz vor dem Gipfel war Bonn von Briten und Franzosen mit komplizenhaftem Augenzwinkern der Amerikaner dazu gedrängt worden, ein bißchen mehr Inflation zuzulassen. Doch an der deutschen Standhaftigkeit besteht nun kein Zweifel mehr, auch wenn Bundesfinanzminister Apel mit verschmitztem Charme ein wenig Ankurbelung versprach, falls die Wirtschaft der Bundesrepublik in diesem Jahr um weniger als fünf Prozent wachsen sollte , Sparsamkeit heißt das Signal aus Downing Street. Es soll die Länder mit Schwierigkeiten davor warnen, Löcher in der Zahlungsbilanz nur mit neuen Krediten zu stopfen. Statt dessen lautet die Londoner Parole: Vor allem muß den Ursachen für die schwachen Bilanzen, den Inflationsquellen, zu Hause, zu Leibe gerückt werden. Das war keine erfreuliche Botschaft für die Regierungschefs der stärk verschuldeten Länder Großbritannien und Italien. Ihr (offiziell bestrittenes) Drängen, die vom Internationalen Währungsfonds angezogenen wirtschaftspolitischen Daumenschrauben etwas zu lockern, stieß auf Verständnis, aber nicht auf Zustimmung ihrer besser betuditen Kollegen.
Doch weil das Gespenst des Protektionismus durch die Konferenzräume geisterte, wurde eine Verstärkung der internationalen Kreditquellen beschlossen. Statt der befürchteten Eindämmung soll der Welthandel noch mehr Freiheit erfahren. So wollen die sieben Regierungen das nur nqch glimmende Feuerchen der Zollverhandlungen in der „Tokio Runde" wieder kräftig anblasen, Dem Prinzip Hoffnung folgend, peilen sie bis zum Jahresende Erfolge beim Zollabbau, bei der Einebnung der zollfremden Handelshindernisse und der Sperren beim weltweiten Handel mit Agrarprodukten an.
Die „sieben reichsten Länder" trieben in London freilichnicht nur wirtschaftspolitische Nabelschau. Sie wandten sich auch an die Dritte Welt und folgten dabei dem Motto first thlngs first. Das ist zwar eine britische Maxime, doch sie wurde vor allem auf Antrag der Deutschen befolgt, die, ehe sie weitere Verpflichtungen gegenüber den unterentwickelten Ländern auf sich nehmen, erst einmal die Konferenz für Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit erfolgreich beendet sehen möchten. Die bittere Pille wurde den Entwicklungsländern dadurch verzuckert, daß sich die Sieben bereiterklärten, einen Sonderfonds in Höhe von einer Milliarde Dollar zur Tilgung der dringendsten Schulden einzurichten. Neu ist diese Idee nicht. Der Europäische Rat hat sich schon mehrfach damit beschäftigt. Jetzt wird der Fonds, nach Carters Spendenbereitschaft in London endlich Realität.
Zu den wirtschaftspolitischen Fragen, die bei dem Gipfeltreffen in Bewegung kamen, zählt eine nicht: Die Strategie der Industrieländer in der Rohstoff Frage. Sie bleibt schwammig. Weil die gemeinsame Haltung erst bei der nächsten UNCTAD Runde im Herbst getestet wird, ließen sich die sieben Herren Zeit. Bis dahin werden sie sich allerdings entscheiden müssen, ob sie Helmut Schmidts Vorschlag einer Stabilisierung der Exporterlöse folgen oder den weiterhin unmarkiertcn Weg eines „gemeinsamen Rohstoff Fonds zur Preismanipulation" einschlagen wollen. Noch geistern beide Möglichkeiten durch das Londoner Papier.
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



