So schlagen uns die Etablierten tot
Fassbinder, Herzog und andere: Polemisehe Bemerkungen eines deutschen Filmemachers / Von Rosa von Praunheim
Es ist ja nun hinlänglich bekannt, daß ich den Rainer Werner auf den Tod nicht leiden kann. Ich finde ihn opportunistisch, verlogen und kunstgewerblich. So langweilig und ungefährlich wie die meisten deutschen Filme, von denen Werner Herzog auf der Tagung der 4. Frankfurter Römerberggespräche sagte: Der deutsche Film ist der augenblicklich beste der Welt Herzog sprach dann von legitimer nationaler deutscher Kultur und vom verlorenen Mythos, und das macht ihn für mich lächerlich und verschroben.
Herzog und Fassbinder haben Millionen, um Filme zu macfien und deswegen interessieren sie mich nicht. Was mich ärgert ist, wenn Fassbinder in einem ZEIT Artikel über einen Film von Walter Bockmayer („Jane bleibt Jane") das kleine Fernsehspiel des ZDF angreift. Er meint, daß die ZDF Leute den jungen Filmemachern zuwenig Geld geben (50—80 Tausend Mark) und diese sich mit ihren Fi!men tragisch verschulden. Klar, für Fassbinder ist das zuwenig. Die Folge wäre, daß, weniger Filme für mehr Geld gefordert werden. Das ist eine Unverschämtheit und entspricht der Arroganz der etablierten Filmer, wie man sie auch bei den Römerberggesprächen besichtigen konnte. Da saß im vornehmen Frankfurter Römer der Club der erfolgreichsten und von Subventionen verwöhntesten deutschen Filmregisseure, Produzenten und Fernsehbosse. Man forderte das große Kino, den großen Jahrmarkt und mehr und mehr Geld und Subventionen. Die satten Preisträger, die geehrten Künstler, die subventionierten Sozialkritiker.
Zum Abschluß der Tagung ließ man sich gnädig dazu herab, eine Resolution zu verfassen, die anregt, den Nachwuchs zu fördern. Man ging nach einer schicken Party im Kaisersaal des Römers auseinander — jeder für sich sein ranziges Süppchen zu kochen. Alles bleibt beim Alten. Mich erbost der Trend der Zeit, angepaßte große Filme zu machen, sie als Ideal hinzustellen. Selbst staatliche Subventionierer nehmen mich nicht mehr ernst, wenn ich für 100 000 Mark einen Kinofilm machen will. Es müssen minde , stens 3 Millionen sein. Für die Anfänger im Filmgeschäft ein Grund mehr, sich vor dem arroganten Medium Film zurückzuziehen und das Feld den Mächtigen und Etablierten zu überlassen. All die großartigen Ideen und Möglichkeiten der sechziger Jahre, die der experimentelle Film, das andere Kino zu versprechen schienen, sind völlig vergessen, sind unmodern. Der Trend der Zeit ist der große bunte Geldjahrmarkt mit angepaßten Themen . Ich scheiße darauf. Ich fordere mehr Mut und Radikalität im deutschen Filmgeschäft. Produziert selbst, geht Risiken ein. Man kann bessere und aufregendere Filme machen, auch wenn man wenig Geld hat, aber dafür unabhängig ist. Die psychische Abhängigkeit, die Selbstzensur ist es, was die alten Filmer so lahm und uninteressant macht. Die Filmgeschichte beweist es, daß Erstlingsfilme oft die besten eines Regisseurs sind.
Das arme Kino ist keine neue Idee, aber es ist nicht chic, und paßt den Etablierten und Mächtigen nicht in den Kram. Wir haben keine Filmkultur in Deutschland. Wo sind die Universitäten, die Filmklassen einrichten, wie es in den USA eine Tradition ist? Film in seiner Vielfalt zur Bildung, Kunst, Unterhaltung, Agitation, Aufklärung, Experiment.
Werner Herzog spricht von der Intensität seiner letzten Filmrolle. Mich interessiert nur die Intensität der ersten Filmrolle, die man neuen wichtigen, radikalen und mutigen Leuten ermöglicht. Das liegt nicht an denen selbst, daß die Anfangsschwierigkeiten haben, sondern an uns, die wir uns ihnen in den Weg stellen. Wir haben den Namen und das Image, ohne die es in Femsehanstalten und Filmförderungen nie geht. Redakteure und Filmförderer interessieren sich sehr selten für Inhalte, sondern nur für das abgesicherte Kulturimage eines Filmemachers.
Das interessiert mich nicht. Ich persöliöi bin so sehr auf die Atmosphäre angewiesen, in der ich kreativ bin, in der ich zuerst lebe urid dann Filme mache. Ich brauche Leute, die mft ihrem Mut mir den meinen zurückgeben. So schlagen mich die etablierten Filmemacher tot machen mich immer ausdrucks- und gefühlloser. Da ich Gott sei Dank kein Talent habe, mich an den Apparat anzupassen, bleibt mir nur die Basis, die ich beleben muß, um zu überlebefe.
Wenn Helma Sanders mit ihren Millionenfilmen und jüngst mit der „Goldenen Schale" mit 500 000 Mark ausgezeichnet, ins Publikum ruft: Wollt ihr denn, daß ich verhungere, ist das eine Sauerei. Audi wenn sie ihre Gagen in die Produktion eingebracht haben mag, kann sie sich doch in Zukunft besser denn je vermarkten. Wer kann das von den jungen, von denen, die vielleicht bessere Filme machen als Helma und ich, weil sie unverbrauchter und weniger korrupt sind? Wir wissen ja wenig von den neuen Talenten, weil wir sie emängstigen und sie permanent unterdrücken, anstatt sie zu fördern .
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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