Spiel mit Grenzen
71. Internationale Tennismeisterschaften in Hamburg
Guiliermo Vilas, der Tennis Crack aus Argentinien, verdiente 1976 bei den Turnieren der Association of Tennis Players (ATP) 238 738 Dollar. Manuel Orantes, der Spa , nier beteiligte sich im selben Jahr außerdem an einer dreimonatigen, als Weltmeisterschaft deklarierten Runde des Tennis Unternehmens World Championship Tennis Inc (WCT), das einem ÖlMilliardär namens Lamär Hunt in Texas gehört. Orantes gewann insgesamt bei beiden TurnierSerien 471 230 Dollar.
Diese beiden nun sind die Stars der diesjährigen 71. Internationalen Tennismeisterschaften von Deutschland, die in dieser Woche am Rothenbaum in Hamburg stattfinden und von 1 denen Günther Neckritz, der Pressereferent der veranstaltenden Hamburger Tennis Gilde, mit Stolz meint, daß nur das WCT Endrundenturnier in Dallas mit ihnen parallel laufe. Doch gleichzeitig veranstaltet in Amerika eine dritte VeranstalterGruppe, die Städteliga World Team Tennis (WTT), Turniere, bei denen nebenvielen bekannten Spielern u a der Schwede Björn Borg, Wimbledon Sieger des vergangenen Jahres, antritt. Der Grund also, warum die Weltelite, wie etwa der Amerikaner Jim Connors oder der Rumäne Ilie Nastase — sie spielten vor kurzem in Las Vegas um 250000 Dollar, die Nastase gewann — Raul Ramirez aus Mexiko oder der Italiener Adriano Panatta, um nur einige zu nennen, lieber in Amerika spielen, ist deutlich: die Zahl der lukrativen Turniere in den USA und auch in Asien ist ungleich höher als in Europa. Zwar zählt auch das Turnier in Hamburg zu den Grand Prix Veranstaltungen des Internationalen Tennis Verbandes (ILTF) und garantiert damit den teilnehmenden Spielern neben ihren Geldgewinnen Punkte, die am Ende der Saison, zusammengezählt mit denen aus anderen Turnieren, eine Gewinnausschüttung aus einem Fond garantieren, in dem sich bis zu eine Million Dollar angesammelt haben. Jeder Turnierveranstalter nämlich und ein großer Konzern als Sponsor zahlen einen bestimmten Prozentsatz der ausgesetzten Preisgelder dort hinein. Guillermo Vilas z. B. kassierte 1974 aus diesem Topf am Ende der Saison, als Punktbester zusätzlich 100 000 Dollar. Doch angesichts dieser Dollar Summen wirken in Hamburg die knapp 300 000 Mark Gewinnsumme bei den Herren — der Sieger erhält immerhin davon 50 000 Mark — und bei den Damen. 76 000 Mark, von denen die Siegerin 14 500 Mark erhält, relativ bescheiden.
Das finanzielle Risiko des neuntägigen „sportlich gesellschaftlichen Ereignisses" — so Günther Neckritz — wird durch eine Ausfallbürgschaft des Hamburger Senats abgesichert. Denn immerhin belaufen sich die Gesamtkosten der Veranstaltung auf über 400 000 Mark, die durch Werbung und vor allem durch das Interesse der riesigen Tennisgemeinde von fast 40 000 aktiven Mitgliedern in Hamburg —- alle potentielle Zuschauer — gedeckt werden sollen i Rund 40 000 Zuschauer sahen im letzten Jahr die Spiele am Rothenbaum, die gleiche Zahl erhofft sich die Hamburger Tennis Gilde für diese Woche. Guillermo Vilas und Manuel Orantes allein allerdings verhindern noch nicht, daß, trotz 800 000 Mitgliedern im Deutschen Tennis Bund (DTB) und — nach einer Umfrage — weiteren 5 Millionen interessierter Spieler, der deutsche Tennissport, international gesehen, zweitklassig ist. Kürzlich erst schied die deutsche Mannschaft gegen Polen im Davis Cup aus. Das besorgte der Achte der Weltrangliste 1976, Woytek Fibak, der insgesamt 3 von 5 möglichen Punkten für seine Mannschaft errang.
Günther Neckritz ist daher auch skeptisch gegenüber dem Abschneiden der deutschen Spieler, „weil sie zuwenig wirklich große Turniere spielen. Dabei wären ihre Erfolge der beste Werbeeffekt für unser Turnier. Wenn wir nicht eines Tages Tennis Provinz werden wollen, müssen wir — nicht zuletzt durch sportliche Erfolge unserer deutschen Spieler — die Manager der großen Tennis Veranstalter auf uns aufmerksam machen. Dadurch gewinnen wir auch leichter Kontakte zu den wichtigen internationalen Gremien und Zentren, von denen aus der Tennis Zirkus gesteuert wird" — Günther Neckritz ist bei allem Optimismus für dieses Jahr Realist, was die Zukunft betrifft. Jürgen Werner
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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