Vor Gold schweigen die Silberlinge
Ein General im Frieden: Vorgesetzter, Gerichtsherr, Menschenführer, Spezialist Von Nina Grunenberg
Brigadegeneral Hans Joachim Mack stand auf dem Truppenübungsplatz von Munster wie John Wayne am Rio Bravo: den Kopf vorgestreckt, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, breitbeinig, die hängenden Arme angewinkelt wie der Westernheld kurz vor dem Griff zum Colt. Aber General Mack röhrte nur wie ein angeschossener Hirsch durch das Gelände: „Jungchen, Jungchen, das hab ich mir gedacht!" Einer der 21 Panzergrenadiere, die Mack bei seiner Inspektionstour über den Übungsplatz überraschte, hatte beim Aufsitzen auf den Panzer vor Schreck seine Waffe im Gelände stehenlassen. Als könne ers nicht glauben, heulte Mack markerschütternd auf: „Der deutsche Panzergrenadier vergißt seine Panzerfaust!" Er prophezeite dem verdatterten jungen Mann einen langen, steinigen Weg in der Bundeswehr. Sprachs, drehte sich um und grinste über das ganze Gesicht: „Pa komme ich hier Tunter wie das heilige Donnerwetter, und die sind natürlich aufgeregt " . Wie sehr Generalsgold auch mittlere Ränge erschüttern kann, erlebte ich wenig später, als ein Hauptmann die Flucht ergriff, sobald er den General durchs Fernglas im Anmarsch sah. Er setzte sich auf seinen Panzer und kratzte die Kurve, daß der Schlamm in Fontänen aufspritzte. Was tut eiii General im Frieden? Auf keinen Fall redet er vom Krieg. Sein Großvater mag das Glas noch „auf den Tag" erhoben und den Tag der Schlacht gemeint haben, sein Vater noch darauf gebrannt haben, den Heldentod zu sterben: Die meiste Angst vor dem Krieg haben heute Lebers Generale.
Je höher ein Militär in der Hierarchie der Bundeswehr kommt, je mehr Einblick und Überblick er gewinnt, desto genauer weiß er auch, daß der nächste Krieg keine Angelegenheit für Kavalier würde. Es mag in der Bundeswehr ein paar verrückte Leutnants oder Hauptleute geben, die sich während des Yom Kippur Krieges am liebsten freiwillig nach Israel gemeldet hätten, um sich „im Feuer zu bewähren". Aber ich habe keinen General kennengelernt, bei dem auch nur der leiseste Verdacht angebracht gewesen wäre, er sehne sich nach einem „frisch fröhlichen Krieg". Im Gegenteil.
Franz Pöschl, der Kommandierende General des 3. Korps in Koblenz, rezitiert Ernst Jünger, um bei seinen fragenden jungen Offizieren jeden Zweifel über die Wirkung ihrer Waffen auszuräumen und ihnen einen Eindruck von der Angst und dem Grauen zu vermitteln, das er selber als junger Oberstleutnant erlebt hat:
„Alle Geheimnisse des Grabes lagen offen in einer Scheußlichkeit, vor der die tollsten Träume verblichen. Manche zergingen in grünliches. Fisdifleisch, das nachts durch zerrissene Uniformen glänzte. Trat man auf sie, so hinterließ der Fuß phosphorische Spuren. Haare fielen in Büscheln von den Schädeln wie fahles Laub von den herbstlichen Bäumen. Anderen floß das Fleisch als rotbraune Gelatine von den Knochen, und in den schwülen Nächten erwachten geschwollene Kadaver zu gespenstischem Leben, wenn gespannte Gase zischend und sprudelnd aus der platzenden Haut, entwichen. Am furchtbarsten jedoch war das brodelnde Gewühl, das denen entströmte, die nur noch aus unzähligen Würmern bestanden. Manch einer zerging ohne Kreuz Und Hügel in Regen, Sonne und Wind. Fliegen umschwirrten seine Einsamkeit. Unverkennbar ist der Geruch des verwesenden Menschen, schwer, süßlich und widerlich haftend wie zäher Brei. Grauenvoll waren die Rufe der einsam Sterbenden, die aus dem Dunkeln heraus in langen Pausen anschwollen und verklangen wie die von Tieren, die nicht wissen, warum sie leiden "
Wer nicht die intellektuelle Kraft hat, sich immer wieder mit der Philosophie des militärischen Handwerks zu beschäftigen — und das tun nur wenige, sehr wenige Militärs —, der spricht und handelt zuweilen, als wäre ihm der Gedanke an Krieg aus dem Hirn gebrannt worden. Gefechtsübungen mit scharfem Schuß erhalten auf diese Weise den Anstrich eines harmlosen „Spiels ohne Grenzen", das den Teilnehmern ein Höchstmaß an Sport und Spannung garantiert und bei dem Offiziere wie Mannschaften ohne Verrenkung zugeben können, daß es mehr Spaß macht als der Dienst in der Kaserne.
Da werden auch tapfer die Sprüche geklopft, die das komplizierte System der westlichen Sicherheitspolitik in kleiner Münze unter die Soldaten bringen, damit es auch der letzte Schwachkopf versteht: „Der Bäcker backt Brötchen, der Metzger macht Würstchen, die Bundeswehr produziert Sicherheit Oder: „Wir üben den Ernstfall, damit er nicht eintritt Oder: Die Offiziersausbildung habe den Sinn, „im Ernstfall Menschen in extremen Situationen zu entschlossenem Handeln zu veranlassen". Wer Zweifel an solchen Kernsätzen hegt, darf nicht unbedingt einen Truppenführer nach ihrem Sinn befragen.
Manövernotizen VII, Ingolstadt, 13. März: GeAll dies berührt schon das. Gebiet der Inneren Führung, bei der die Mehrzahl der Kommandeure kalte Füße bekommt. Die Innere Führung, mit großem I geschrieben (mit einer einzigen, kurzlebigen Ausnahme im Weißbuch 1970, Helmut Schmidts erstem), gerinnt den Festrednern nicht selten zu purer Theologie. Sie stellt einen Anspruch an das demokratische Menschenbild der Vorgesetzten, der manche Generale unsicher macht. Wenn sie ihre „Staatsbürger in Uniform" mustern, das eine Extrem die Dumäichen, die ohne Schulabschluß zum „Bund" kommen, das andere die Abiturienten, die in puncto politischer Bildung manchmal auch nicht klüger sind, dann sind sie viel eher geneigt, sich mit dem „Menschen als Märigelwesen" abzufinden und ihre Soldaten so zu nehmen, „wie sie sind, und nicht, wie man sie gern hätte".
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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