Warum ich arbeitslos sein will

Ein schlechtes Gewissen habe ich eigentlich nicht, obgleich Josef Stingl, wüßte er von mir, sich gewiß empören würde, ich hätte die Zahl der Arbeitslosen mutwillig vergrößert. Das stimmt. Ich habe gekündigt. Ein Luxus, für den das Arbeitsamt mir die ersten vier Wochen das Arbeitslosengeld entzogen hat. Ich habe es überlebt. Seitdem kommen mir gegelmäßig 62 5 Prozent meines ehemaligen Nettogehaltes ins Haus. Nicht 68 Prozent, denn ich bin ledig, bin 29 Jahre alt und von Beruf Journalistin. Bisher jedenfalls.

Warum ich mich in die Kolonne der Arbeitslosen" eingereiht habe? Warum man einfach kündigt, ausgerechnet jetzt? Die Gründe dafür sind gewiß bei jedem, der in einer ähnlichen Lage ist, anders. Auch bei mir war es wohl nicht lebensentscheidend. Ein, zwei Jahre hätte ich es zweifelsohne noch aushalten können. Aber wozu sich ärgern, sich mit Aufgaben abspeisen lassen, die den Einsätz immer weniger lohnen? Mein Arbeitgeber und ich waren uns wenigstens in diesem Augenblick einmal einig und gleichermaßen froh über meine Entscheidung.

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Bei rund 900 Mark monatlich sind die Miete und die Zigaretten gesichert, auch das Bier abends in der (Frauen )Kneipe. Ich habe sieben Jahre gearbeitet, bekomme also den Höchstsatz und nehme dieses Taschengeld von Vater Staat nun auch in Anspruch, um mich in Ruhe nach etwas anderem umzusehen. In Ruhe.

Gewannt worden bin ich mehr als genug, bis hin zur leisen Verunsicherang. Zumal die Kollegen malten mir mein künftiges Dasein in schwarzen Farben aus, sprachen von Existenzminhnum und der Gefahr, sich selbst ins Abseits zu stellen. Unter ihnen vor allem diejenigen, die mit dem Wort arbeitslos noch Stempelgeld verbinden, Schlangestehen, den zähen, verbissenen Kampf um eine neue Stellung.

In meinem Beruf wird es in der Tat nicht einfach sein. Die Stadt, in der ich lebe, ist eine Großstadt mit über 200 000 Einwohnern. Hier hat die Lokalzeitung, für die ich bisher arbeitete, eine Monopolstellung. Das Arbeitsamt, denke ich mir, wird hoffentlich nicht so taktlos sein 3 mich genau dorthin zu vermitteln Bin ich gewissenlos, weil ich mich einfach Vater Staat an den Rockzipfel hänge und die Hand aufhalte — ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da er bemüht ist, die Zahl der Arbeitslosen abzubauen? Geradezu peinlich ist es mir nicht. Wenn ich auch darüber nachdenke, tröste ich mich bald mit dem fadenscheinigen Argument: Andere tun es ja auch. Den ersten Schritt zu machen, sich bewußt von der arbeitenden Bevölkerung abzusetzen, ist nicht leicht. Solange man noch am Lohnstreifen hängt, sieht man sich ohne festes Gehalt gleich als Sozialfall. Aber es ist kein Schritt ins Ungewisse, ohne Netz und doppelten Boden. Im Gegenteil. Die Maschen der sozialen Hängematte sind eng geknüpft. Ich liege drin. Das Arbeitsamt füttert mein Konto und bemüht sich, für mich eine neue Stellung zu finden.

Vor der Tür meiner Berufsberaterin tauschen die Arbeitslosen regelmäßig ihre Erfahrungen aus. Wem nicht gerade die Familie, Ratenzahlungen, ein unbedingt zu haltender Lebensstandard im Nacken sitzen, dem erscheint die erste Zeit wie unvermutet geschenkter Urlaub, Ohne wirklich dringende finanzielle Verpflichtungen, scheint mir, haben es anfänglich die wenigsten besonders eilig, einen neuen Job zu bekommen.

Daß gestöhnt wird — etwa über die Lauferei oder das Warten auf dem Arbeitsamt — gehört zur neuen Rolle, die man mit dem alten Pflichtbewußtsein aus arbeitsreichen Tagen erfüllt. Lauter und aufrichtiger wird über die angebotenen Stellen geklagt. Sie entsprechen meistens nicht den Gehaltswünschen. Liegt der neue Lohn unter dem gehabten Niveau und etwa zwischen dem Arbeitslosengeld und dem letzten Gehalt, geht sowieso nichts. Eigentlich erwartet jeder, daß der angebotene Posten eine finanzielle Verbesserung bringt — quasi als Ausgleich für den inzwischen erlittenen Gehaltsausfall.

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