Kosmetika Was steckt im Schönheitsmittel?
Die meisten Leute, die ein Arzneimittel einnehmen, kümmern sich nicht darum, welche Chemikalien darin enthalten sind. Selbst die meisten Ärzte wissen mit der Liste auf dem Beipackzettel eines Medikaments, die über die chemische Zusammensetzung Auskunft gibt, , nicht viel anzufangen.
Dennoch bestehen die Gesundheitsbehörden fast aller Länder der Erde darauf, daß auf der Verpackung eines Arzneimittels die Stoffe, die in ihm enthalten sind, präzise mit genauen Mengenangaben angegeben werden. Und das ist gut so. Denn wiewohl diese Liste gemeinhin von Verschreibern und Verbrauchern ignoriert wird, hat sie schon manchem Patienten das Leben gerettet oder ihn vor unnötigem Leiden bewahrt. Nicht jede Substanz wird von jedem Menschen gleich gut vertragen. Was dem einen hilft, kann den anderen todkrank machen. Und es gibt Substanzen, die zwar Kranken Linderung ihrer Beschwerden bringen können, jedoch mit anderen Heilmitteln zusammen nicht eingenommen werden dürfen, weil sie in einem solchen Fall gerade das Gegenteil bewirken, nämlich Schaden anrichten. Schließlich kommt es leider vor, daß sich eine Chemikalie, die bislang als gutes Mittel gegen bestimmte Krankheiten galt, plötzlich als gefährlich herausstellt.
In all diesen Fällen erweist sich die Liste mit den unaussprechlichen Chemienamen eben doch als hilfreich. Was in Millionen Fällen überflüssig ist, kann im Bedarfsfall von größtem Wert sein — so auch hier.
Und warum soll dies bei anderen Chemikalien, mit denen wir in Berührung kommen, anders sein? Warum also müssen zwar die Ingredienzen eines Arzneimittels verraten werden, nicht aber die etwa des Puddings aus der Tüte oder einer Zahncreme? Wer etwa, weil sein Cholesterinspiegel im Blut zu hoch ist, tierische Fette möglichst meiden soll, wüßte gerne, ob er eine der auf dem Markt angebotenen synthetischen Schlagsahnen unbeschadet verspeisen kann. Und wessen Haut auf bestimmte Ester oder Hormone mit einem bösen Ausschlag reagiert, weil er dagegen allergisch ist, möchte eine Schönheitscreme nicht erst daraufhin testen, ob sie vielleicht Pusteln und Pickel im Gesicht hervorrufen kann, sondern dies lieber vorher erfahren.
Gewiß, auch hier gilt wie bei den Arzneimitteln : Den meisten Verbrauchern würde die Angabe der Inhaltsstoffe nicht das geringste sagen. Aber die wenigen Ausnahmefälle, in denen diese Information vor Schaden zu schützen vermag, würden es durchaus rechtfertigen, daß der Staat eine solche Mitteilung auf den Packungen der Produkte verlangt. Schließlich ist es auch schon bei Kosmetika und Nahrungsmitteln vorgekommen, daß ein bislang als völlig harmlos geltender Bestandteil plötzlich in den Verdacht geriet, eine schlimme Krankheit hervorrufen zu können. In unserer von der Chemie beherrschten Zivilisation kann man nicht vorsichtig genug sein. Darum plädiere ich für ein Gesetz, das die Hersteller von Nahrungs- und Schönheitsmitteln verpflichtet, ebenso sorgsam wie die Pharmaindustrie die Inhaltstoffe ihrer Produkte zu nennen. Daß dieses Verlangen nicht unerfüllbar ist, macht uns das Land vor, in dem die meisten Rezepte für Speisen und Körperpflegemittel aus der Retorte erfunden worden sind, die Vereinigten Staaten von Amerika. Was die Nahrungsprodukte angeht, so gilt dort die uneingeschränkte Qffenlegungspflicht schon seit Jahrzehnten. Und soeben hat die Food and Dmg der Bürger vor gesundheitsgefährlichen Stoffen und Gegenständen wacht, verlangt, daß künftig auch die Fläschchen, Tuben, Töpfe und Beutel, in denen die Mittelchen zur Pflege und Veschönerung des menschlichen Körpers feilgeboten werden, mit einer Liste der Stoffe zu versehen seien, die darin enthalten sind.
Vernünftiger freilich wäre es noch, wenn wie bei Arzneimitteln auch für die Produkte der Kosmetikindustrie ein Wirksamkeitsnachweis erbi adit werden müßte. Aber da würden wohl die Regale der Parfümerien, Drogerien und Friseurläden mit einem Schlag gähnend leer. So manches Mädchen sparte zwar sehr viel Geld — doch wenns um die Schönheit geht, darf man wohl die Illusion nicht gänzlich zerstören.
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







