Wenn man sich schlapp fühlt...
Kraftfahrzeuge werden in der Bundesrepublik besser gewartet als ihre. Besitzer: Jedes Auto muß alle zwei Jahre zum Technischen Überwachung Verein, sonst wird es von Amts wegen aus dem Verkehr gezogen. Ein Bundesbürger, der die medizinischen Vorsorgeuntersuchungen nicht wahrnimmt, hat nichts zu befürchten, außer daß er sich selbst schadet. Die meisten Vorsorgeuntersuchungen in der Bundesrepublik sind freiwillig. Dementsprechend gering ist die Beteiligung. Selbst die gesetzlich vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen werden nicht von allen Bürgern wahrgenommen. Zwar droht den Säumigen ein Bußgeld, aber niemand treibt es ein.
Eigentlich müßten die Krankenkassen berechtigt sein, ihren vorsorgeunwilligen Mitgliedern höhere Beiträge abzuverlangen. Denn die Krankenkassen vertreten alle Mitglieder, die in ihrer Gesamtheit dafür aufkommen müssen, wenn einzelne den Verlust ihrer Gesundheit riskieren. Patienten, die zum Beispiel ihre Harnwegserkrankungen bis zur Nierenschrumpfung verschleppen und dann lebenslang auf die künstliche Niere angewiesen sind, kosten die Krankenkassen Millipnenbeträge, ebenso die Brustkrebspatientinnen, die mangels Früherkennung zu spät operiert werden. Doch wenn Risikozuschläge den Leichtsinnigen abverlangt würden, wo sollte man anfangen und aufhören? Die Raucher, die Trinker und Übergewichtigen müßten mit dem gleichen Recht stärker zur Kasse gebeten werden wie die Vorsorgeunwilligen.
Die Teilnahme an den kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen ist sehr unterschiedlich. Fast total erfaßt werden nur die Neugeborenen, weil 98 Prozent in einer Klinik das Licht der Welt erblicken und zwangsläufig vorsorgeuntersucht werden. Angeborene Schäden wie Stoffwechselerkrankungen, die unbehandelt zum Schwachsinn führen würden, Hasenscharten, Klumpfüße und Hüftgelenksverformungen können daher im Frühstadium ausgeheilt werden. Doch mit dem zunehmenden Alter der Kinder verlieren ihre Mütter das Interesse an der Vorsorge. Zur sechsten und siebten Untersuchung wird nur noch jedes vierte Kind vorgestellt.
Diese Zahl entspricht dem geringen Interesse der Frauen an den Krebsvorsorgeuntersuchungen. Nur 27 Prozent nutzen die Möglichkeit. Häufiger gehen Schwangere vorsorglich zum Arzt, allerdings nur knapp die Hälfte, auf dem Lande nur jede dritte Frau. Ein gestörtes Verhältnis zur Vorsorge haben die Männer. Und das, obwohl sie erst im sogenannten vernünftigen Alter, ab 45 Jahren, an der Reihe sind. Nur 11 Prozent lassen sich auf Prostata, Hoden- und Darmkrebs untersuchen.
Die größten Vorsorgelücken hat der Gesetzgeber eingeplant. Die erste Lücke klafft vom 4. Lebensjahr bis zum Eintritt in die Schule. Vergeblich bemüht sich Professor Wilhelm Theopolt, Direktor der Frankfurt Höchster Kinderklinik und Begründer des Früherkennungsprogramms für Säuglinge und Kleinkinder, die Vorsorge nahtlos werden zu lassen: „Ich weise immer wie , der darauf hin, daß die Seh- und Hörstörungen oft erst nach dem vierten Lebensjahr erkannt und bis zum Eintritt in die Schule noch behandelt werden könnten "
Vom Eintritt in die Schule bis zur Entlassung bleiben die Kinder zwangsläufig unter schulärztlicher und zahnärztlicher Kontrolle. Doch danach wird es kritisch. Jugendliche, die vor dem 18. Geburtstag in den Beruf eintreten, haben noch das Glück, nach § 45 des Jugendschutzgesetzes vom Hausarzt vorsorglich untersucht zu werden. Es ist sogar gesetzliche Pflicht. Aber später läuft nichts mehr. Für die Frauen ist bis zum 3 0 Geburtstag Pause. Dann dürfen sie sich einmal im Jahr kostenlos auf Brust, Genitalund Darmkrebs vorsorglich, untersuchen lassen. Bei den Männern ist bis zum 45. Geburtstag Pause. Lediglich die änzlichen Untersuchungen bei der Bundeswehr, im öffentlichen Dienst und in einigen Großbetrieben unterbrechen die vorsorgelose Zeit. Zwar gibt es in Bayern, BadenWürttemberg, Schleswig Holstein und Niedersachsen gesetzlich vorgeschriebene Röntgenreihenuntersuchungen, aber auch nur zur Früherkennung der Tuberkulose. Mehr wird an Vorsorge nicht geboten.
Erst wenn die Bundesbürger Beschwerden haben und zu Patienten werden, können sie sich auf Bronchial- und Magenkrebs, auf Nieren- und Blasenerkrankungen, auf Herz- und Kreislaufschäden untersuchen lassen, um einige markante Beispiele zu nennen. Ein Früherkennungsprogramm für diese Krankheiten gäbt es nicht. Bei Krebs kann es zu spät sein. Wenn Krebserkrankungen Beschwerden machen, ist die Heilungschance erheblich vermindert.
- Datum 20.05.1977 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.5.1977 Nr. 21
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