Phantastisch elastisch Wie im "Stürmer"

Jugendliche Freude am Inl Von Theo Sommer

Was ist los mit unseren StudenteriJJLJnd was mit unseren Schülern? Die einen solidarisieren sich — wie Tausende in Göttingen, Braunschweig und anderswo — mit dem unverzeihlichen, pubertären Anarcho Gestammel eines AStA Anonymus, der seine „klammheimliche Freude" über den „Abschuß von Buback" bloß aus taktischen Gründen unterdrückt, gleichwohl aber dazu aufruft, „einen Begriff und eine Praxis zu entfalten von GewaltMilitanz, die fröhlich sind", Die anderen erzählen sich seit dem Verebben der biederen Häschen Welle auf dem Schulhof Judenwitze von scheußlichster Grausamkeit — Ausgeburten kranker Hirne, die Massenvergasung und Einzeltotschlag zum Gegenstand des Gelächters machen.

Zwar heißt es, nicht alle, die an den Hochschulen dem unsäglichen „Mescalero Schreiber zur Seite getreten seien, hätten sich mit dem Inhalt des Artikels identifizieren wollen. Ihnen sei es vor allem darum gegangen, gegen staatliche Eingriffe in die studentische Meinungsfreiheit zu protestieren, ihre Angst vor Zensur und Disziplinierung auszudrücken, Unmut zu bekunden über alles, was sie im Gefolge des Hochschulrahmengesetzes an Reglementierung erwarten oder befürchten. Und in dem beklommenen Bemühen, sich, die Epidemie der Auschwitz Geschichten auf den Schulhöfen wegzuerklären, verfallen manche Erwachsene auf feingesponnene Unterscheidungen: daß es sich dabei nicht wirklich um antisemitische Witze handle, sondern um Döntjes von jener unspezifischen, auf niemanden im besonderen gemünzten, rein zufällig an den Juden festgemachten Gattung, zu der auch die KannibalismusWitze gehören, die Horror StorieS vom Schlage „Darf ich mit Opa spielen? — Nein, der Sargdeckel bleibt zu", der schwarze Humor verflossener Humor Wellen.

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An diesen Erklärungsversuchen ist sicherlich manches Richtige. Gleichwohl bleibt die Bestürztheit. Wie kommt es, daß Studenten, erwachsene Menschen, den Grundkonsens über Anstand und Menschlichkeit aufkündigen, auf dem unser Gemeinwesen ruht? Daß sie mit unverhohlener Hochachtung von „bewaffneten Kämpfen 8seln, wo es um hochfahrende, verblasene, verbrecherische Terroristen geht? Daß sie den rechtlich begründeten Institutionen der Freiheit und der Demokratie den Rücken kehren, „Repression" schreien, wo der Staat nichts anderes tut, als sein legitimes Gewaltmonopol einzusetzen, damit hierzulande nicht das Recht des Stärkeren und Brutaleren herrscht, sondern die Übereinkunft der Mehrheit?

faUnd wie kommt es, daß Oberschüler grausame Witze über Vergasen und Verbrennen von Juden reißen? Daß sie ein Tabu verletzen, welches nach dem Hinmorden von sechs Millionen Juden durch die Nazis wie von selbst entstand, ein Gebot der Moral und des Anstands auch für die Nachfahren der Mörder? Daß Gedankenlosigkeit die Verantwortung vor der Last der Vergangenheit überwuchert?

In den studentischen Köpfen brodelt manches, was anderwärts angerichtet worden ist. Von dichtenden Verschwörungsneurotikern wie Erich Fried, der unseren Staat wider sämtliche Wahrheit für einen Unrechtsstaat hält — anstatt für ein Gemeinwesen, das fehlsam ist wie alles, was Menschen betreiben, aber insgesamt doch achtbar, besser als alles, was vorher bei uns war, und besser als das meiste, was rings um uns ist (FriedGedicht über den toten Buback: „Dieses Stück Fleisdi glaubte Recht zu tun und tat Unrecht"). Von politischen Wirrköpfen wie Hermann Gremliza (konkret), der die Schüsse von Karlsruhe verurteilt, weil sie die Reaktion stärken, und der dazu auffordert, „den Damen und Herren Terroristen das Handwerk zu legen", damit der Reaktion ihr Gegner abhanden kommt — als ob die „Reaktion" mehr wäre als eben: legitimierte Reaktion. Im Vergleich zu beiden ist der Göttinger Mescalero ein Waisenknabe — er formuliert nur ungeschickter. Auch bei den Schülern mit ihren Vergasungswitzen schimmert ja linksextremes Denken durch. Wen erinnerte das „Nieder mit dem Zionismus" der Radikalen nicht an das „Juda verrecke" des Stürmer?

Hinter den irregeleiteten Studenten wie den beim Witzereißen auf Abwege geratenen Schülern steckt ein bedrückender Mangel an Geschichtlichkeit, ein Verlust des Maßstäblichen. Eine Bildungspolitik, die Geschichte im sturen Verfolg „curricularer Innovation" zum bloßen Anhänsel dogmatisch bestimmter Sozialkunde Inhalte gemacht, sie auf jeden Fall an den Rand des Lernens gedrängt hat, trägt an dieser Entwicklung ein gerütteltes Maß an Schuld. Es ist höchste Zeit zur Umkehr. Die Verbannung der Geschichte führt zur Verkümmerung all dessen, was menschliche Gemeinsamkeit ermöglicht: Distanz, Skepsis, Maß, Toleranz.

Man kann die Geschichte beiseite schieben und seine eigenen Erfahrungen im revoluzzerhaften Verbrechen suchen — wie der Opec Attentäter Hans Joachim Klein. Sein Fazit: „Wenn man noch einen Funken politischer Sensibilität und politisches Selbstverständnis hat, wird man, sobald da eingetaucht, kotzelend wieder rausspringen Der Preis für derlei Geschichtsblindheit? Klein: „Der Preis dafür war verdammt hoch "

 
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