Hat der Kanzler zuviel versprochen? Kann die Bundesrepublik die in London gegebenen Zusagen einhalten? Zeitalter des großen Trübsinns?

Helmut Schmidt konnte in London einen großen persönlichen Erfolg verbuchen. Dem Kanzler ist es gelungen, die auf dem Gipfel versammelten Staats- und Regierungschefs weitgehend auf seine wirtschaftspolitische Linie einzusdrwören. Das bedeutet allerdings auch, daß kein anderes Land eine so starke moralische Verpflichtung hat wie die Bundesrepublik, die in London anvisierten Ziele zu erreichen.

Um ihrer Rolle als Konjunkturlokomotive in Europa gerecht zu werden, soll die deutsche Wirtschaft das für dieses Jahr gesetzte Wachstumsziel unbedingt einhalten. Nach den bisher vorliegenden Zahlen erscheint aber die Hoffnung, daß das deutsche Bruttosozialprodukt 1977 real um fünf Prozent wächst, recht verwegen. Und daß die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt unter 800 000 gedrückt werden kann, wie die Bundesregierung dies noch in ihrem Jahreswirtschaftsbericht angekündigt hat, ist inzwischen so gut wie ausgeschlossen. Selbst die Optimisten in den Wirtschaftsforschungsinstituten gehen in der jüngsten Gemeinschaftsprognose nur noch von einem Wachstum von 4 5 Prozent aus. Die Pessimisten unter den Konjunkturforschern glauben sogar nur noch an 3 5 Prozent.

Anzeige

Auch auf längere Sicht sieht es offenbar nicht gut aus. Wie eine repräsentative Umfrage der deutschen Industrie- und Handelskammern ergab, will die Industrie bis Ende der siebziger Jahre lediglich 90 000 neue Arbeitsplätze schaffen. Selbst wenn in den anderen Bereichen der Wirtschaft die Zahl der Beschäftigten etwas schneller zunimmt, würde dies in einer Zeit, in der geburtenstarke Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt drängen, bei weitem nicht zum notwendigen Abbau der Arbeitslosigkeit führen. Müssen wir also davon ausgehen, daß nach einem goldenen Vierteljahrhundert, das den Industrieländern einen Massenwohlstand gebracht hat, der zuvor unvorstellbar war, nun das Zeitalter des großen Trübsinns folgt? Sind wirtschaftliche Stagnation, Massenarbeitslosigkeit und eine Jugend ohne Hoffnung die Kennzeichen des letzten Vierteljahrhunderts? Nichts wäre dümmer als eijie solche These, obwohl die aktuellen Zahlen sie zu stützen scheinen.

Wir sind in den letzten Jahren schon oft damit hereingefallen, wenn aktuelle Probleme einfach in die Zukunft verlängert wurden. Es ist noch gar nicht so lange her, daß der Arbeitskräftemangel als Dauerproblem unserer Wirtschaft galt, der Autoindustrie die große Krise prophezeit oder die permanente Übernachfrage beklagt wurde.

Auch das Umfrageergebnis der Industrie- und Handelskammern gilt natürlich nur unter der Voraussetzung, daß der Pessimismus in der Wirtschaft weiter andauert. Er wird verschwinden, sobald sich unter denen, die über Investitionen entscheiden, der Eindruck verbreitet, daß in Bonn wieder energisch und zielbewußt geführt wird, daß die Kostenlawine nicht in immer schnellerem Tempo weiterrollt und die politische Lage in den wichtigsten Nachbarländern sich stabilisiert. Daß dies keine eitle Hoffnung ist, zeigt das Beispiel der Vereinigten Staaten. Der Wechsel an der Spitze des Staates hat auch das wirtschaftliche Klima verändert und einen Aufschwung auf breiter Front ausgelöst: Zum erstenmal in der Geschichte der USA haben mehr als 90 Millionen Menschen einen Arbeitsplatz. Allein in den letzten zwölf Monaten sind 2 7 Millionen neuer Jobs geschaffen worden.

Auch wenn ein solcher Aufschwung in der Bundesrepublik in diesem Jahr nicht mehr zu erwarten ist, gibt es überhaupt keinen Grund zu der Annahme, daß eine solche Entwicklung bei uns unmöglich ist. Voraussetzung ist allerdings, daß der Wirtschaft jetzt nicht in dem Irrglauben, sie sei unheilbar krank, dirigistische Krücken und bürokratische Bandagen verordnet werden, die sie daran hindern, sobald wie möglich wieder normal zu laufen. Michael Jungblut

 
Service