Von Hugo Leber

Da wächst einer auf, dem fehlt es an nichts. Die Eltern sind reich, die beste Erziehung, jegliche Ausbildung erscheinen gewährleistet. Auch wohnt man in einer Villa, beste Lage. Man ist angesehen in der Gesellschaft, und da schreibt einer, in solchem Milieu aufgewachsen: „Ich bin jung und reich und gebildet: und ich bin unglücklich, neurotisch und allein. Ich Stamme aus einer der allerbesten Familien des rechten Zürichseeufers, das man auch die Goldküste nennt. Ich bin bürgerlich erzogen worden und mein ganzes Leben lang brav gewesen. Natürlich habe ich auch Krebs. Mit dem Krebs hat es aber nun eine doppelte Bewandtnis: einerseits ist er eine körperliche Krankheit, an der ich mit einiger Wahrscheinlichkeit in nächster Zeit sterben werde..., andererseits ist er eine seelische Krankheit, von der ich nur sagen kann, es sei ein Glück, daß sie endlich ausgebrochen sei.“

In dem Buch von –

Fritz Zorn: „Mars“, mit einem Vorwort von Adolf Muschg; Kindler Verlag, München, 1977; 228 S., 29,80 DM

stehen diese Sätze. Und Fritz Zorn ist am 2. November des vergangenen Jahres in Zürich an Krebs gestorben, 32 Jahre alt. Das Manuskript, so berichtet Adolf Muschg, habe er von einem befreundeten Buchhändler erhalten, und dem Autor schrieb er, er „stünde, wie selten zuvor, unter dem Eindruck, ein notwendiges Manuskript gelesen zu haben“. In der Nacht vor seinem Tod erhielt Fritz Zorn die Nachricht, daß sein Buch erscheinen werde.

In den wenigen Wochen, da dieses Buch auf dem Markt ist, erschreckt es Leute, löst Reaktionen aus, Ablehnung, Betroffenheit.

Wer ist dieser Fritz Zorn, der als Pseudonym das Wort für sein Verhalten Zur Welt wählte, von der er sagt, sie habe ihn krank gemacht? Er hatte Romanistik studiert, war gebildet, wie er es selber sagt, und für einige Zeit Lehrer an einem Zürcher Gymnasium. Was er im ersten Teil des Buches beschreibt: Herkunft, Jugend, Studium, die abgesicherte und abgeschirmte Reiche-Leute-Welt, die Stille der traditionellen Ordnungen, das Ersticken in Wohlanständigkeit. „Goldküste“: so nennt man das rechte Zürichseeufer; Zollikon, Küsnacht, Erlenbach, Herrliberg, Meilen, Zumikon – das sind Gemeinden, wo das Gold, wahrscheinlich, nicht in den Villen liegt, aber der Vergoldungsprozeß sich in zum Teil ausgeprägten architektonischen Wohlstandshäusern zeigt. Wo man zum Beispiel in einer dieser Gemeinden jetzt nicht will, daß eine Lehrerin mit ihren Schülern ein aktuelles Buch des als „links“ geltenden Schweizer Schriftstellers W. M. Diggelmann liest und diskutiert, wo zwei Gemeinden schnell ein Grundstück aufgekauft haben, damit darauf nicht eine geplante Drogenklinik eingerichtet werden kann, wo auch die Häuser von Bankdirektoren stehen, die zur Zeit in Erklärungsnöten sind, weil ihnen: Millionen von Franken in Geschäftsabenteuern entglitten.