Von Eberhard Hübner

Die Geschichte der bürgerlichen Zivilisation ist eine Geschichte der Ausgrenzungen: Die Lebensgewohnheiten und Verhaltensweisen, die das bürgerliche Leben bestimmten, konnten nur dann Allgemeingültigkeit beanspruchen, wenn alles, was den Standards nicht entsprach, als abnorm und unmoralisch ins Jenseits des überhaupt Diskutierbaren abgedrängt wurde. So konnte der, der nicht nach der Norm dachte, als wahnsinnig, der nicht nach der Norm handelte, als Verbrecher abgetan werden; und damit wurde ihm als subjektive Schuld auferlegt, was eigentlich eine Folge des Zwangs der Gesellschaft zur Stabilisierung gewesen ist. Ähnlich erging es den Frauen. Ihr Ausschluß vom gesellschaftlichen Leben führte nicht ins Irrenhaus oder Gefängnis, sondern ins traute Heim. Die Rechtfertigung dafür lieferte die hohe wie die triviale Philosophie mit der Idealisierung, die ihr zwar die Kompetenz für privates Glück zusprach, nicht aber für die schlechte Welt der Geschäfte.

Eine ähnliche Idealisierung hat in der bürgerlichen Gesellschaft die Kindheit erfahren. Daß auch hier nur sentimental verklärt wurde, was hinter den zivilisatorischen Standards zurückgeblieben war und deshalb ausgerottet werden mußte, das weiß man nach der Lektüre einer Dokumentation zur Geschichte der Erziehung –

„Schwarze Pädagogik – Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung“, herausgegeben und eingeleitet von Katharina Rutschky; Ullstein Buch 3318, Ullstein-Verlag, Frankfurt/Berlin, 1977; 618 S., 24,80 DM.

Hier sind Texte der Pädagogik von ihren Anfängen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gesammelt, die in den üblichen Kompendien zur Geschichte dieses Faches kaum Beachtung finden: nicht die philosophischen Diskurse und idealistischen Reden über die „Veredlung der Menschheit“, sondern die konkreten Vorstellungen der Pädagogen über Kindheit, Unterricht, Erziehung.

Und hier, in der Nähe zu den eigenen Erfahrungen und Affekten, scheint die Pflicht gelockert, das eigene Tun rational zu durchforschen. An der Schwelle zur Praxis werden Überlegungen angestellt, welche die hohen Absichten wohl umsetzen sollen, sie in Wirklichkeit aber in ihr Gegenteil verkehren. Und so entpuppt sich Erziehung als ein Krieg, den die bürgerliche Gesellschaft gegen die Kindheit führt, als heiliger Krieg wider die Menschennatur“ wie der Pädagoge J. Sailer 1809 pathetisch verkündet.

Die Fülle des Beweismaterials ist erdrückend. Die Aufklärung, die zu betreiben die Pädagogik immer vorgegeben hat, zeigt sich in diesem Buch als Geschichte archaischer Gewalt, in der mit Rohrstock und sadistischer Pedanterie, aber im Namen der Vernunft, die Anpassung an die Verhältnisse durchgesetzt wurde, ohne Rücksicht auf die Wünsche und Ansprüche der wehrlosen Opfer.

Die Dokumentation, die das belegt, erweist sich dabei als das meisterhafte Ergebnis eines Lesens, das sich vom Selbstverständnis der Texte nicht einfangen läßt und nur deshalb zu ihren verleugneten Schichten vorstoßen kann. Wissenschaftsgeschichte wird von der Herausgeberin wie eine Art Graphologie betrieben: Erst jenseits der expliziten Aussagen, im scheinbar Nebensächlichen der theoretischen Linienführung, in den Metaphern und Beispielen, Abschweifungen und Nebengedanken läßt sich die Geschichte der Erziehung als Teil eines höchst zwiespältigen Zivilisationsprozesses entziffern. Und gerade diese Perspektive macht das Buch so aufregend: In der Diskussion der pädagogischen Fachprobleme schreibt sich unfreiwillig die Pathographie der bürgerlichen Gesellschaft. Ihr Hauptagent nämlich ist Erziehung immer gewesen. Sie muß in der Lebensgeschichte eines jeden von neuem wiederholen, was sich an Unterdrückung und Sublimierung der menschlichen Natur in den Jahrhunderten kollektiv vollzogen hat. Das Buch illustriert gleichsam ein Kapitel der Dialektik der Aufklärung: Wie unter einem Vergrößerungsglas zeigt sich in der pädagogischen Brutalität die Grausamkeit der Zivilisationsvernunft gegenüber allem, was sich ihr nicht beugt.

Dabei hat die bürgerliche Gesellschaft das, was sie da bekämpft, selbst produziert: Kindheit ist buchstäblich eine neuzeitliche Erfindung. Erst nachdem das Leben innerhalb der Gesellschaft einen gewissen Grad von Unübersichtlichkeit hatte, ließ sich Kindheit als der Zustand des Noch-nicht-dazu-Gehörens deutlich vom Leben der Erwachsenen abgrenzen. Das wiederum machte Erziehung nötig als eine Institution, die den gerade erst entdeckten Mangelzustand bei den Kindern zu beheben hatte.

Es liegt an dem Hang des Bürgertums zur ideologischen Absicherung, daß es diesen Vorgang nicht einfach pragmatisch begründete, sondern das Bild eines Feindes brauchte, den zu bekämpfen selbstverständliche Pflicht der Erziehung sein sollte. So wie zur Zeit der Entdeckungsreisen die Ausrottung der Wilden nachträglich mit ihrer Gottlosigkeit legitimiert werden mußte, so produzierte die Pädagogik zur Rechtfertigung ihrer Strafen und Zwangsmaßnahmen eine Vorstellung von Kindheit, die allem, was nicht erwachsen war, den normal-menschlichen Status absprach. Irrsinn, Bosheit, Dummheit: alle Laster und Abartigkeiten wurden beschworen, um die verderbte Kindesnatur zu beschreiben. „Wenn der Junge sich mißtrauisch, köpfisch, hart im Geben, roh im Nehmen, verschlossen, trotzig, unabhängig, selbständig zeigt: von diesem Augenblick an bringt er die Hölle in die Kinderwelt; er muß sie unausgeboren auch schon in sich haben.“

Das zu beweisen, .scheut man sich nicht vor logischem Widersinn. Ein Handbuch aus dem Jahre 1887 schreibt: „Der Wille des Kindes muß gebrochen werden, d. h. es muß lernen? nicht sich selbst, sondern einem andern zu folgen. Daß eine solche Notwendigkeit vorliegt, ist ein Beweis der angeborenen Verderbnis menschlichen Wesens.“ Es läßt sich kaum deutlicher formulieren, daß hier eine Wissenschaft den Notstand, den zu beheben sie verspricht, nur herbeidefiniert.

Den Katalogen kindlicher Laster, die in diesem Buch versammelt sind, widerspricht auch nicht das Klischee von der kindlichen Unschuld. Denn es muß eben die wahre Kindlichkeit, deren Erkenntnismonopol die Erzieher besitzen, gegen die falsche verteidigt werden mit allen Mitteln, bis zur Prügelstrafe. Schlimmer ist die totale Kontrolle, die sich die Pädagogen zur Erschaffung ihrer Homunculi erträumten. Die Empfehlung von E. Chr. Trapp, des ersten Professors für Pädagogik an einer deutschen Universität, 1784: die Kinder könnten nur dann „ordentlich und sittsam“ werden, „wenn sie keinen Schritt tun, kein Wort reden, nicht die kleinste Handbewegung vornehmen, können, ohne daß es ihre Erzieher gleich gewahr werden“, ist durchaus wörtlich zu nehmen. Man kann sich wirklich keine Lebensäußerung vorstellen, zu der sich in diesem Buch nicht irgendwelche Vorschriften finden ließen. Das geht von fast mathematischen Berechnungen über die optimale Armhaltung beim Schönschreiben bis hin zur peniblen Regulierung kultivierten Gehens.

Mehr noch als das Gehen beschäftigt die Pädagogen jedoch das richtige Sitzen. Über Jahrhunderte hinweg haben sie in wissenschaftlichen Abhandlungen über die Konstruktion der idealen Schulbank nachgedacht – nicht etwa zu dem Zweck, Bewegungsfreiheit und Bequemlichkeit der Schüler zu ermöglichen, sondern .einzig, damit über erzwungene Rückenhaltung und Beinstellung die Kinder diszipliniert werden. Die Folterbänke, die so entstanden, hatten zudem die Aufgabe, jeden Kontakt der Schüler untereinander zu verhindern: „Die Tische sollten, außer an Stellen, wo der Schüler sein Buch hinlegt und schreibt, voll in die Höhe stehender eiserner Nadeln sein, damit alle Versuche, sich über die Tische zu legen, um mit dem Nachbarn zu konvenieren, wegfielen.“ Solche Marterapparate sind hoffentlich nie wirklich gebaut worden. Doch macht das die Dokumentation ihres Entwurfs nicht überflüssig. Denn gerade an den pathologischen Extremen läßt sich deutlich der Zustand einer Gesellschaft ablesen, die solche Phantasien nicht nur zuließ, sondern als wissenschaftliche Überlegungen achtete.

Die pädagogische Obsession, die sich in diesem Buch so variationsreich entfaltet, die Zwanghaftigkeit, mit der Bedürfnisse vom Hunger auf Süßigkeiten bis zur Onanie überall gewittert und verfolgt werden, gibt auch Aufschluß über die Erzieher selber. An ihnen scheinen ihre eigenen Methoden zwar gründlich gelungen, die Ziele aber nicht erfüllt zu sein. Erziehung gibt sich in den hier zusammengetragenen Texten als ein unendlich aufwendiger Abwehrmechanismus zu erkennen, der die Angst vor der eigenen Triebbedrohung auf die Kinder projiziert und an ihnen bekämpft: „Ungehorsam ist ebensogut wie eine Kriegserklärung gegen eure Person. Euer Sohn will euch die Herrschaft rauben, und ihr seid befugt, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, um euer Ansehen zu befestigen.“ Die Wunden des Zivilisationsprozesses sind bei den Erwachsenen selber noch nicht vernarbt; sie können jederzeit wieder aufbrechen. Wie die Herrschenden die Revolutionäre, so fürchten die Erwachsenen die kindliche Auflehnung, weil die Brüchigkeit des mühsam etablierten Systems ihnen im Unterbewußtsein noch präsent ist. Deshalb verlangt die Erziehung die totale Unterwerfung manchmal auf eine Weise, die das pure Überleben der Kinder noch als Geschenk versteht. „Ich danke euch, meine lieben Eltern“, so beginnt ein Abendgebet des großen Philosophen und Pädagogen Johann Friedrich Herbart, „daß ihr mit ein Bett gegeben habt, worin ich ausschlafen kann. Sonst müßte ich auf der harten Erde schlafen. Ich danke euch auch, daß ihr mir zu essen und zu trinken gegeben habt... Ihr müßt mich wohl recht lieb haben, daß ihr das tut, denn es zwingt euch niemand dazu.“

Leider verführt die historische Beschränkung in der Textauswahl des Buches – der jüngste Artikel stammt von 1908 – dazu, die hier dokumentierte Epoche als düsterstes pädagogisches Mittelalter abzutun. Daß jedoch nur die Methoden der Erziehung sich verfeinert haben, die Ziele gleich geblieben sind, das erörtert Katharina Rutschky in ihrem außergewöhnlich klugen Einleitungsessay. Es wäre ein zweiter Band zu wünsehen, der versucht, die Geschichte des Erziehungskrieges im 20. Jahrhundert weiter zu verfolgen.