Film: ,,Der Stadtneurotiker“ von und mit Woody AllenClown ohne Maske

Autobiographie eines Komikers von Hans c. Blumenberg

Von Hans C. Blumenberg

Virgil Starkwell alias Fielding Mellish alias Allan Felix alias Miles Monroe alias Boris Grushenko steht vor einer bräunlich getönten Wand und hält Zwiesprache mit seinem Publikum. In einer unbewegten, halbnahen Einstellung von fast drei Minuten Länge, deren Klarheit nicht zufällig an Ingmar Bergmans „Von Angesicht zu Angesicht“ erinnert, improvisiert der kleine schmächtige Mann mit den roten Haaren und der dunklen Brille eine intime Konfession. Er erzählt von,seiner Angst vor dem Alter, von seinen Schwierigkeiten mit dem Mädchen Annie Hall, das ihn verlassen hat, er räsoniert und resümiert und macht sich Mut mit selbstironischen Witzen: „Ich möchte keinem Klub angehören, der Leute wie mich als Mitglieder aufnimmt.“ Das Dilemma einer ganzen Existenz, in einer einzigen Pointe zusammengefaßt

Mit diesem Monolog beginnt Woody Allens neuer Film „Annie Hall“ (deutscher Titel: „Der Stadtneurotiker“), seine sechste Regie-Arbeit seit 1969, ein autobiographischer Versuch, der eine wichtige Entwicklung für den Komiker Allen bedeutet. Wo er früher den Kampf mit seinen Neurosen in phantastischen Niemandsländern austrug (als Fielding Mellish in „Bananas“ in einer lateinamerikanischen Operetten-Republik, als Miles Monroe in „Sleeper“ im übertechnisierten Amerika des Jahres 2174, als Boris Grushenko in „Love and Death“ in einem mit Tolstoi-Klischees bevölkerten alten Rußland), wagt er sich in „Annie Hall“ an eine konkrete, nachvollziehbare Realität: seine eigene.

Anzeige

Woody Allen ist Alvy Singer, ein berühmter amerikanischer Komiker, Jude und New Yorker, der seine Neurosen pflegt, zur Psychoanalyse geht („aber erst seit 15 Jahren“) und sich mit Frauen notorisch schwertut („Sex mit dir ist ein kafkaeskes Erlebnis“, kommentiert eine Reporterin von „Rolling Stone“ nach einem mühsam vollzogenen Beischlaf). Seine Freundin ist Annie Hall (gespielt von Woody Allens ehemaliger Freundin Diane Keaton), ein großes, hellhaariges, fröhliches, konfuses, verklemmtes Geschöpf aus einer Familie von Juden-Hassern, der Inbegriff des WASP Girl: weiß, angelsächsisch, protestantisch und vom Lande. Das kann nicht gutgehen mit den beiden, der „Stadtneurotiker“ Alvy Singer alias Woody Allen sieht sein Traummädchen Annie Hall alias Diane Keaton nach Kalifornien entschwinden, in jene irreale, ewig sonnige Gegend, „deren einziger kultureller Vorteil darin besteht, daß man bei Rot rechts abbiegen darf“.

Die Bekenntnisse eines Clowns ohne Maske: Für Woody Allen bedeutet „Annie Hall“, was „Limelight“ und „A King in New York“ für Chaplin bedeutet haben müssen: sich selber zu finden und zu definieren ohne Verkleidungen und Schminke. Die vielen Identitäten des Komikers Allen, vom glücklosen Bankräuber Virgil Starkwell in „Take the Money and Run“ über den Filmfanatiker Allan Felix in „Play It Again, Sam“ bis zum tapferen Strohmann Howard Prince in Martin Ritts „The Front“ fließen zusammen zu einem einzigen Charakter: Alvy Singer alias Woody Allen, der den autobiographischen Bezug so weit treibt, daß er einen Ausschnitt aus einer Dick-Cavett-Talk-Show mit Woody Allen verwendet.

Natürlich ist der wirkliche Woody Allen nicht wie sein alter ego Alvy Singer in einem Holzhaus unter der Achterbahn des Vergnügungsparks von Coney Island aufgewachsen, natürlich hat er als Achtjähriger nicht gesagt: „Das Universum expandiert“, und weil das so ist, fliegt in zwei Millionen Jahren sowieso alles in die Luft, und warum soll man dann noch Schularbeiten machen?

Allen gelingt in „Annie Hall“ eine meisterhafte Balance aus komischer Erfindung und biographischer Erfahrung, er bringt die irrsinnigsten Einfälle in den Zusammenhang einer durchaus nicht immer nur heiteren Selbstanalyse. Ein Mann von 42 Jahren zieht eine Zwischenbilanz und mischt sich unter die Gespenster der Vergangenheit: der erwachsene Woody sitzt unter den Kindern seiner alten Schulklasse, beobachtet sich selber als kleinen Jugen, besucht eine Familienfeier unter der Achterbahn, die 1942 stattgefunden hat. Er mischt sich ein, verlangt Auskünfte, läßt sich von Passanten auf der Straße in Liebesdingen beraten, pendelt pausenlos und unberechenbar zwischen der Gegenwart und verschiedenen Stadien seiner Vergangenheit, entwickelt den autobiographischen Versuch nicht linear-chronologisch, sondern nach dem Prinzip der freien Assoziation: vom Elternhaus zum ersten Rendezvous mit Annie Hall, zurück in die fünfziger Jahre zur – ersten Ehefrau, wieder zu Annie, zurück zum Beginnn seiner Karriere als anonymer Gag-Schreiber, auf eine Party mit seiner zweiten Frau, als Alleinunterhalter in einer Universitätsaula: disparate Fragmente einer Biographie, die sich zum Bild eines Mannes fügen, der mit spielerischem Ernst mit seinen Sexualneurosen, seinen Todesängsten und seinen semitischen Traumata hantiert. Kino als therapeutische Übung.

Und der Film eines genialen Komikers. Woody Allens Freiheit vom Zwang des Geschichtenerzählens, die immer wieder an den späten Buñuel erinnert, gestattet ihm die Erfindung von Gags, die noch kein anderer Komiker gewagt hat. Einen Dialog zwischen Alvy und Annie versieht er mit Untertiteln als innere Monologe: „Hoffentlich ist er kein Versager wie die anderen.“ „Mein Gott, jetzt klinge ich wie das Dritte Programm.“ Wenn Alvy feststellt, daß Annie im Bett „abwesend“ ist, läßt Woody Allen sie mit Hilfe eines Kopiertricks tatsächlich abwesend sein und das hilflose erotische Gerangel aus sicherer Distanz beobachten. Oder die Auseinandersetzung mit einem pseudointellektuellen Schwätzer, der sich Alvy gegenüber auf Marshal MacLuhan beruft. Sofort steht der echte MacLuhan daneben und erklärt seinen Jünger für völlig inkompetent. „Ich wünschte, das Leben wäre immer so“, kommentiert Woody/Alvy. Alles geht in diesem Film. Das Universum expandiert. Es ist schön, daß es Woody Allen gibt. Vielleicht ist er nicht der amerikanische Ingmar Bergman, als den ihn der Kollege von der „New York Times“ feiert, aber komischer ist er allemal.

Zur Startseite
 
Service