Seit rund 15 Jahren verhilft die Reiselust. in Westeuropa dem Adrialand Jugoslawien zu einem festen Einkommen aus dem Urlaubsgeschäft. Doch die Hoffnungen auf einen Anstieg der Besucherzahlen, besonders aus der Bundesrepublik, die mit 1,6 Millionen Besuchern an der Spitze der jugoslawischen Fremdenverkehrsstatistik rangiert, wurden in dieser Saison nicht erfüllt.

Die bisherigen Statistiken sind noch gerade zufriedenstellend“, bemerkt Zvonko Butorac, Leiter des Jugoslawischen Fremdenverkehrsamtes in München, zurückhaltend zur Lage. Genauer gesagt: Das Wetter machte in dieser Saison den Strich durch die Rechnung, so daß die ohnehin schon bescheidenen Vorjahreszahlen kaum gehalten werden konnten. Im Vergleich zur Rekordsaison von 1975 hatte sich schon das Erholungsgeschäft des Vorjahres im Minusbereich bewegt. Daran waren freilich nicht nur die touristischen Modetrends schuld, die einen Teil der Urlauber in Richtung Griechenland, Türkei, Frankreich, Portugal und Skandinavien zogen. Die Jugoslawen geben zu: „Wir haben selbst einige schwerwiegende Denk- und Planungsfehler gemacht.“

Da wäre zu allererst die Unterstützung des individuellen Autotourismus. Vor allem die Familienväter aus den südlichen Regionen der Bundesrepublik negieren nicht selten die Pauschalofferten der Reisebüros, holen sich aus den Katalogen höchstens ein paar Reisetips heraus und starten dann auf eigene Faust. Für diese selbstgesteuerte Urlauberkolonne aber sind jugoslawische Straßen nicht angelegt, Lediglich 160 Kilometer Autobahn stehen für das Heer der motorisierten Besucher zur Verfügung, das sich vor allem auf die Küste zubewegt. Erst jetzt scheinen jugoslawische Fremdenverkehrsstrategen begriffen zu haben, daß sich gerade auch der deutsche Durchschnittstourist ungern bei idyllischen Inlandsfahrten aufhält, sondern möglichst in einem Rutsch an sein Sonnenbadeziel an der Adria vorstoßen möchte. Bis 1985 soll deshalb das Straßennetz um 2500 Kilometer Landstraße erster Ordnung erweitert werden. Um die Durststrecke zu überbrücken, so erdachten es sich die örtlichen „Feldherren der Ferienzüge“, könnte durch geschickte Werbung ein Teil der Gäste ins vereinsamte Inland Bosniens, Serbiens oder Kroatiens abgelenkt werden. Die ersten Werbekampagnen gegen den üblichen Urlauberdrang zum Wasser, sind bereits angelaufen und rühmen die herben Gebirgsketten, die geschichtsträchtigen Städte, die romantische Wildwestkulisse, die einsamen Autotouren und die besondere Gastfreundschaft der Bevölkerung im touristischen Abseits. Spätestens in der kommenden Saison sollen die Reklame-Bemühungen Früchte tragen.

Daneben werden auch die bisher offiziell noch etwas verschämt behandelten FKK-Anhänger, wie die bisher kaum beachteten Camper und Zelter, mehr Anerkennung erfahren. „Diese Urlauber lassen immerhin soviel Geld im Lande, daß sich ein verstärktes Engagement für sie lohnt“, erklärt Zvonko Butorac jetzt friedfertig, „sie waren jahrelang eine unterschätzte Touristenkategorie.“ Auch der wachsenden Begeisterung der erholungsuchenden Ausländer für Hobbys auf dem Wasser soll in Zukunft verstärkt durch den Ausbau von Marinas und Schiffscharterplätzen Rechnung getragen werden. In diesem Zusammenhang bedauern die Jugoslawen lautstark, daß sich nicht genügend bundesdeutsche Investoren für Beteiligungen am Feriengeschäft finden.

Noch lauter als die Jugoslawen über fehlende Geldgeber jammern indes so manche Touristen über fehlenden Service. Schleichende Kellner, unerschütterliche Verkäufer, sture Köche und desinteressierte Sportgerätevermieter sorgen dafür, daß Jugoslawien in den Augen westlicher Touristen immer noch im negativen Sinne als „Ostblockstaat“ deklariert wird. Und nicht zuletzt Servicemängel sind es wohl auch, die die vielen freien Zimmer an der gesamten Adriaküste in der letzten sommerlichen Hochsaison verursacht haben.

Brigitte Zander