In den USA ist das Fußballfieber ausgebrochen. Seit ein Pelé durch einen Beckenbauer beim FC Cosmos ergänzt wurde, sind ausverkaufte Häuser in New York beim „unamerikanischen“ Soccer überhaupt keine Seltenheit mehr. Dieser sensationelle Boom wirft die Frage auf: Kann Fußball in Nordamerika zum neuen Volkssport werden? „Der FC Cosmos allein wird es nicht schaffen“, sagte Bundestrainer Helmut Schön. „Es kommt auf die Jugend an.“ Wie also reagiert die Jugend in den USA auf den Fußball? Wir fragten zwei amerikanische Journalisten, die abseits der spektakulären Show Erfahrungen mit dem Soccer gemacht haben. Peter Gwynne arbeitet als Wissenschaftsredakteur bei „Newsweek“; Peter Behr ist Korrespondent für die Tageszeitung „Baltimore Sun“ in Washington.

Wilton/Connecticut

Franz Beckenbauer nannte es „Stimulans“. Er meinte die 77 691 Zuschauer, die dem „FC Cosmos New York“ im Halbfinale der US-Fußballmeisterschaft zujubelten. Die Besucherzahl war sowohl ein Rekord für das Stadion, das Cosmos mit dem beliebten American-football-Team „New York Giants“ teilt, als auch für Fußballspiele in Nordamerika überhaupt.

Doch ebenso wichtig wie die nackte Zahl der Zuschauer war ihre Zusammensetzung. Soccer zieht in den USA nicht mehr nur heimwehkranke Europäer und Südamerikaner aus den ethnischen Enklaven an. Die Sitzplätze bei Cosmos-Spielen sind – ebenso wie in den Fußballstadien von Dallas, Minneapolis, Seattle, Tampa und anderen US-Städten – von amerikanischen Durchschnittsfamilien belegt. Umfragen zeigen, daß häufiger als angenommen Mütter und Väter auf Drängen ihrer fußballspielenden Kinder sich den „fremden“ Sport anschauen – und das, was sie sehen, so sehr genießen, daß sie wiederkommen.

In der Tat sind die Kinder ebenso verantwortlich für den dramatischen Popularitätsanstieg des Fußballs in den USA wie die Stars Peté, Beckenbauer oder George Best. Bei den Jungen und Mädchen wirkt der Zuwachs an Soccer-Spielern eher noch spektakulärer als die Zuschauerzahlen der nordamerikanischen Soccer-Liga. Ein Verband zum Beispiel, die U. S. Youth Soccer Association, meldet einen Anstieg der Mitgliederzahl von 30 000 im Jahr 1972 auf heute 223 000. Insgesamt spielen jetzt über eine Million amerikanische Jugendliche in organisierten Fußballmannschaften.

Soccer bietet Amerikanern, die mit ihren eigenen traditionellen Sportarten aufgewachsen sind, eine ganze Reihe von Vorzügen. Die Schatzmeister der Clubs begrüßen die preiswerte Fußballausrüstung. Die Ausstattung einer ganzen Soccer-Mannschaft kostet weniger als die eines einzelnen Football- oder Eishockey-Spielers. Eltern schätzen den Mannschaftscharakter des Spiels, der ganz im Kontrast zu der starken individuellen Ausrichtung des Baseball steht, ebenso wie das Fehlen jener Anforderungen, nach denen Basketball- und Football-Spieler Beinahe-Riesen sein müssen. Vor allem aber freut es sie, daß es kaum Verletzungen und Gewalt gibt, die so sehr Bestandteil des Eishockey und des Football geworden sind.

Kinder selbst genießen vor allem die ständige Bewegung im Fußball, bei dem die erwachsenen Trainer nur selten das laufende Spiel beeinflussen – im Gegensatz zu den üblichen amerikanischen Mannschaftsspielen, bei denen häufige Spielunterbrechungen den Trainern immer wieder Gelegenheit geben, ihren jugendlichen Schützlingen die jeweilige Strategie bis zum Erbrechen vorzubeten.