Von Hans Schueler

Mittlerweile haben sich fast alle zu Wort gemeldet: Dichter und Denker, Politiker und Publizisten, auf Befragen durch Emnid sogar die Stimme des Volkes. Also sind wir endlich bei der so lange geforderten „geistigen Auseinandersetzung“ über den Terrorismus? Man möchte meinen, es sei um so eher möglich, sie mit der wünschenswerten Klarheit und auf dem gebotenen Niveau zu führen, als es einer Auseinandersetzung mit den Terroristen selbst auf einem anderen Felde als dem der Fahndung und der Straf Justiz längst nicht mehr bedarf. Über Mord, Menschenraub und Erpressung gibt es mit ihnen weder zu reden noch zu rechten! Sie haben längst den Boden der gesitteten Gesellschaft verlassen, den sittlichen Grundkonsens über die Unantastbarkeit des Lebens aufgekündigt.

Doch bieten die Einhelligkeit des Urteils über das Verbrechen, die einmütigen Bekundungen von Abscheu, Zorn und Trauer offenbar keinen brauchbaren Ansatz für geistige Erhellung. Da schreibt der schon mit seinem Namen für Seriosität bürgende Historiker Golo Mann allen Ernstes in der Welt, wir befänden uns „in einer grausamen und durchaus neuen Art von Bürgerkrieg“. Und dasselbe Blatt, das Heinrich Böll – mit Recht – seinen 1972 geschriebenen Satz zum Vorwurf macht, Ulrike Meinhof lebe „im Kriegszustand mit dieser Gesellschaft“, sucht im gleichen Atemzug Golo Manns These zu rechtfertigen: Böll habe es im direkten, Mann nur „im übertragenen“ Sinne gemeint. Welch feine Unter-Scheidung! Der eine wolle aus Terroristen brave Soldaten machen, der andere die Leute an den Rand des Abgrundes führen, in den ihr Staat alsbald stürzen werde, wenn er weiterhin so pingelig auf die Attribute seiner Rechtlichkeit bedacht bleibe. Als hätten Worte kein Eigengewicht.

Nicht minder emsig im emotionalen Sumpf rührt der Leitartikler des Spiegel. Er sieht in der wieder einmal von bayerischen CSU-Politikern erhobenen Forderung nach der Todesstrafe für Terroristen „Rufe aus dem Bürgerbräukeller“. Wie schön wäre es doch gewesen, hätte Adolf Hitler im Bürgerbräukeller nur den Tod für Terroristen gefordert – etwa für die Mörder von Walter Rathenau und Matthias Erzberger.

Bürgerkrieg – haben wir in Deutschland denn keine historischen und sogar zeitgeschichtlichen Erinnerungen wenigstens an seine präliminaren Formen: an die Barrikaden der gescheiterten Revolution von 1848, an den Kapp-Putsch und die blutigen Zusammenstöße zwischen Freikorps und Arbeitermilizen in den Anfangsjahren, an die Straßenschlachten zwischen SA und Rotfront mit Dutzenden von Toten in den Endjahren der Weimarer Republik? Das Wort „Bürgerkrieg“, auf eine Mörderbande angewandt, bewirkt zwangsläufig Aufwertung, wenn nicht gar Scheinlegitimation in Richtung auf den von den Tätern so sehr ersehnten Kombattantenstatus.

Die Fahndung hat Vorrang

Der von solchen Übertreibungen erstrebte Effekt, den Staat und seine Bürger gegen den Terrorismus „wehrhaft“ zu machen, wird damit schwerlich erreicht. Eher werden die Köpfe verdunkelt und mögliche, ja notwendige Einsichten getrübt. Denn es kann doch angesichts der terroristischen Gewalt nicht darauf ankommen, jegliche Gewalthemmung nun auch in den Menschen abzubauen, deren Zorn sich gerade an der Brutalität der Täter entzündet. Wenn wahr ist, daß die Mörder des Richters von Drenkmann, des Generalbundesanwalts Buback, des Bankiers Jürgen Ponto und die Entführer des Arbeitgeber-Präsidenten Schleyer den Rechtsstaat und sein marktwirtschaftliches Gefüge treffen wollen – und das ist sicherlich wahr –, dann darf der Angegriffene weder mit hypnotischer Erstarrung reagieren noch mit den Gebärden eines Berserkers.