Von Hans-J. Müller-Borchert

Wo ist heute, acht Jahre nach dem ersten Auftreten der „Rote Armee Fraktion“, der Standort der deutschen Terroristen? Die damals scheinbar geschlossene Terroristenszene ist inzwischen in ein Puzzle unterschiedlichster Gruppen, Konzepte und Taktiken verfallen. Widersprüchlich sind die amtlichen Angaben sowohl über den Umfang und die Zusammensetzung als auch über die Überlebenschancen dieser Gruppen.

Als sich 1969 die Apo, die Außerparlamentarische Opposition, resigniert und in sich zerstritten, auflöste, machte sie einer Gruppe junger Leute Platz, die das System nicht mehr von der Straße aus ändern, sondern es aus dem Untergrund heraus zusammenschießen wollten. Was damals zunächst als „Kampf für eine Neue Menschlichkeit“ begann, ist heute zur Kopfschußtechnik organisierten Mordes degeneriert.

Angelehnt an die Lehren Mao Tse-tungs und die Praxis lateinamerikanischer Stadtguerillas eröffnete die Gruppe um Andreas Baader und Ulrike Meinhof ihre Revolution als „Volkskrieg“. Damit fehlte ihrem Konzept jedoch eine entscheidende Voraussetzung: das „revolutionäre Bewußtsein der Massen“.

Diese Entscheidung, einen „Volkskrieg“ ohne die erforderliche revolutionäre Bereitschaft des Volkes zu beginnen, bedeutete für die damalige Organisation der Terroristen einen enormen Aufwand an Kräften, Mitteln und Zeit, um im Volk (und in der „Linken Szene“) für Verständnis und Solidarität zu werben, zugleich aber den Verzicht auf extrem brutale Aktionen, um die Kluft zum Volk nicht zu vergrößern. Hieraus ergab sich ein unüberwindliches Dilemma für die Terroristen. Nur mit Terror und Gewalt gegen Personen war ein politischer Erfolg gegen die Staatsgewalt zu erreichen. Jede solche Aktion aber mußte die ohnehin minimalen Chancen zerstören, daß, sich Teile der Bevölkerung mit der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) solidarisierten.

Die Alternative wäre eine Guerilla gewesen, die von vornherein auf eine Beteiligung breiter Schichten der Bevölkerung verzichtete, die mit kleinen, beweglichen Kadern dem Industriestaat in ganz bestimmten, sehr empfindlichen Bereichen eine Vielzahl überraschender Schläge zugefügt hätte mit dem Ziel, die öffentliche Ordnung und lebenswichtige Funktionen des Staates zu lähmen – also das Konzept einer Kaderguerilla. Das wäre der Versuch gewesen, politische Entscheidungsprozesse durch uneingeschränkten extremen Terror und ohne Rücksicht auf die Bevölkerung zu beeinflussen, vielleicht sogar den Zusammenbruch des Staates einzuleiten.

Doch die RAF wählte die erste Alternative, den „Volkskrieg“. Ohne Resonanz in der Bevölkerung, ohne die erhoffte Solidarität der linken. Szene, ohne nennenswerte Erfolge gegen den Staat scheiterte sie 1972 in der Sackgasse ihrer revolutionären Theorie und Praxis. Seit diesem Schock hat sich die terroristische, Szene in der Bundesrepublik völlig verändert. In ihr unterscheiden wir jetzt