Von Horst Bieber

Wörter trennen uns, Taten einigen uns“ – dies war in den frühen Jahren das Motto der ersten und einzigen Stadtguerilla, die einen „Erfolg“ an ihre Fahnen heften konnte. Nach fast zehn Jahren Kampf, von 1963 bis 1972/73, haben die Tupamaros in Uruguay eines ihrer Ziele erreicht: Der demokratische Staat ist beseitigt, eine Militärdiktatur hält mit brutaler Gewalt jedes Zeichen von Opposition nieder und – wie sie es versteht – Ruhe und Ordnung aufrecht. Die letzte Stufe des politischen Planes der Guerrilleros wurde freilich nicht erreicht: Die Volksbewegung und Volkserhebung gegen die Diktatur von rechts blieb aus, mußte ausbleiben, weil die uruguayischen Tupamaros das Maß der Zustimmung aus der Bevölkerung überschätzt und die Macht des Militärs unterschätzt hatten. Der Glaube an die „einigende Tat“, an die politisches Bewußtsein schöpfende Tat, erwies sich als Trugschluß.

Immerhin – die höchstens 1000 Tupamaro-Aktivisten des „Moviemento de Liberación National“ (MLN) konnten einen Staat in die Diktatur stürzen, der einmal „die Schweiz Südamerikas“ genannt wurde und diesen Namen in doppelter Hinsicht verdiente: Die soziale und finanzielle Sicherung seiner Bürger war vorbildlich, und seine demokratischen und juristischen Institutionen besaßen eine in Südamerika seltene, fast einmalige Qualität, auch nach westeuropäischen Maßstäben. Ausgerechnet dieser liberale Staat wurde das Opfer einer entschlossenen Kampfgruppe, entgegen allen Voraussagen und Bedingungen der Guerilla-Theorie. Das Unmögliche geschah in Uruguay.

Wer allerdings fürchtet, die Bundesrepublik könnte zu einem zweiten Uruguay werden, verkennt die fundamentalen Unterschiede beider Staaten. Die Sorge scheint nur in einem Punkt berechtigt: ein nicht einzudämmender Terrorismus könnte auch hierzulande bei Regierung und Parteien zu verhängnisvollen Reaktionen wie damals in Montevideo führen.

Uruguay (keine drei Millionen Einwohner auf zwei Drittel der Fläche der Bundesrepublik) war einmal ein reicher Agrar-Exportstaat, der sich ein Netz sozialer Sicherungen zugelegt hatte. Doch in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre geriet das Land in eine Wirtschaftskrise, und von der galoppierenden Inflation wurden besonders die Arbeiter betroffen. Die beiden großen Traditions-Parteien versagten vor diesen Schwierigkeiten und konnten sich zu tiefgreifenden Reformen nicht durchringen. Sozialisten und Kommunisten – bei allen Wahlen hoffnungslos abgeschlagen – erschöpften sich in revolutionärer Phraseologie oder bauten streng auf den legalistischen Weg: Für Ungeduldige, Aktivisten und Idealisten boten diese Parteien keine Heimstatt – sie fanden sie bei den Tupamaros.

Organisator der . Tupamaro-Bewegung war Raul Sendic, ein Jurastudent aus einer Familie jugoslawischer Einwanderer, Sozialist, „bis mich das sterile Gerede der Genossen anwiderte“, dann Organisator eines militanten Verbandes der Zuckerarbeiter, die unter besonders schlechten Bedingungen arbeiteten, ja ausgebeutet wurden. Die Arbeitgeber hielten sich indes nicht an die nach langem Streik erreichten Vereinbarungen, es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei, und Sendic machte 1962 Bekanntschaft mit dem Gefängnis: Nach kurzer Haft gründete er im Januar 1963 mit acht Sympathisanten oder Mitgliedern der Sozialistischen Partei den MLN.

Der MLN verstand sich zu dieser Zeit als die organisierte Vorhut der ausgebeuteten Klassen gegen das Regime: die wahrhafte und endgültige Befreiung konnte nach seiner Meinung nur in der Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft liegen, in der totalen Demontage des Kapitalismus, dem jede Reformfähigkeit abgesprochen wurde. Doch über diese Leitsätze hinaus scheuten die Tupamaros eine politische Festlegung im Detail – einmal, um der Gefahr der Fraktionierung und Abspaltungen vorzubeugen, sodann, um zögerade Sympathisanten nicht durch ideologische Hürden abzuschrecken. Sie gewannen und verloren damit. Positiv schlug zu Buche, daß der demokratische Entscheidungsprozeß und die Diskussion innerhalb der Organisation nicht abgeschnitten wurden; negativ wirkte sich die Weigerung der Linksparteien aus, mit diesem Partner zusammenzuarbeiten. Böse Worte wie „Ohne Doktortitel keine Aufnahme bei den Tupamaros“ oder: „Noch nie hat ein Tupamaro einen Arbeiter aus der Nähe gesehen“ bezeugten die unüberbrückbaren Gegensätze.