Das Auto von heute trägt Giorgio Giugiaros Handschrift

Von Rino Sanders

Wohin das Auge blickt, überall sieht es Giugiaro. Wer überhaupt Kraftfahrzeuge unterscheidend wahrnimmt, auf Autostraße oder Parkplatz, gewahrt Giugiaro. Doch weiß er es nicht, denn der Name steht nicht am Kühlergrill, nicht an der Flanke, er ist zudem schwer aussprechbar. Aber die Mehrzahl der Automobile von heute zeigt seine Linie, ob original, ob geklaut, ob nachempfunden. Design kennt keinen Patentschutz. Giorgio Giugiaro, Jahrgang ’38, hat unseren Autojahren seinen Stempel aufgeprägt. Er brachte zu Papier, was der europäische Zeitgeist noch nicht recht artikulieren konnte. Ich weiß es, weil ich diese strenge Kalligraphie schon 1968 an den Wänden seines damaligen Designstudios in Turins Centro storico in futuristischen Entwürfen gesehen habe.

Giugiaro hatte sich gerade selbständig gemacht. Dankbar erzählte er mir vom Karossen-Couturier Bertone, der ihm ermöglichte, was man heute „Selbstverwirklichung“ zu nennen pflegt. Damals war sein Stolz der Alfa 2000/2600 „Sprint“, ein in dieser Klasse erstaunlich lang gebautes Auto, und heute, siebzehn Jahre nach jenem Wurf, zeigt wieder ein „Sprint“ des nun an seinen Erfahrungen gereiften Mannes unverkennbare Hand: das Viersitzer-Coupé des Alfa Süd.

Giugiaro gilt heute als Großmeister dessen, was man den italienischen Stil nennen kann: klar konturierte, knappe, straffe Autokörper, schmucklos schön, ohne Fett unter der Haut. „La linea pulita“, die saubere Linie, ist auch sein Credo, und vielleicht zeichnet niemand sie so rein wie er.

Auf gutbürgerlich ist sie 1973 durch den „Passat“ in die Bundesrepublik gekommen. Giugiaro gab aber auch dem „Golf“ Gestalt und schuf das „Scirocco“-Gewand. Wenn einem also heute zu VW etwas anderes einfällt als Käfer, ist es der Giugiaro-Touch. Bereits 1968 hatten die Japaner den Piemontesen entdeckt. Er lieferte alles für sie, vom Entwurf bis zum bandreifen Detail, wie es von Anfang an seinem Konzept entsprach, doch oft ging es den Asiaten nur um sein Know-how. Die Linie verhunzten sie für den amerikanischen Markt.

Seinen Traum realisiert