Auf dem Lande kommen die Versuche mit dem Zeit-Takt gut an und kosten die Post Geld

Damit niemand ihm die Schau stehle, hat Postminister Kurt Gscheidle angeordnet, vor dem 15. September, dem Termin seiner Pressekonferenz, keine Einzelheiten einer Aktion bekanntzugeben, die von der Bundespost seit April probeweise in Gang gesetzt wurde: vom neuen Telephon-Zeittakt.

Dem publizitätsbewußten Postminister ein Schnippchen zu schlagen, fällt freilich nicht schwer. Die zuständigen Oberpostdirektionen, in denen der Probelauf mit dem Zeittakt praktiziert wird, gaben bereitwillig längst bekannt, was sie herausgefunden haben: Der Zeittakt kommt beim Publikum an.

Zeittakt bedeutet, daß Ortsgespräche nicht mehr beliebig lange für 23 Pfennige geführt werden können. In den sechs Versuchsgebieten kostet das Ortsgespräch alle acht Minuten 23 Pfennig. Als Gegenleistung für diese Verteuerung wurden die bisherigen Ortsnetze wesentlich vergrößert, so daß nun weit mehr Teilnehmer zur Ortsgebühr telephonieren können und keine teuren Ferngespräche mehr führen müssen.

Im Bereich der Oberpostdirektion (OPD) Freiburg konnten die Bewohner des früheren Ortsnetzes von Illmenau nur mit 228 Teilnehmern zur Ortsgebühr telephonieren, jetzt können sie im Zeittakt-Verfahren des Bereichs Überlingen mit 40 000 Fernmeldeteilnehmern in Kontakt treten. Ein Sprecher der OPD Freiburg meint denn auch: „Die Stimmung ist überall positiv. Ärger gibt es nur, weil diejenigen, die nicht im Versuchsgebiet liegen, den Zeittakt noch nicht haben.“ Daß der Probelauf ein Erfolg war, läßt sich an Zahlen messen. Die Zahl der Gespräche ist gestiegen, die Einnahmen der Post indes sind um etwa zehn Prozent gesunken, weil aus den meisten Ferngesprächen Nahgespräche wurden.

Einige Unternehmen im Bereich Uberlingen fanden sogar einen Trick heraus, ihre Kosten über Gebühr zu senken. Die Friedrichshafener etwa können nach Überlingen nicht per Ortsgebühr im Zeittakt miteinander sprechen. Umgekehrt hingegen ist das möglich. Die Folge: Wer von Friedrichshafen oder Markdorf nach Überlingen telephoniert, bittet seinen Partner um Rückruf zum Ortstarif. Die Kreishandwerkerschaft Friedrichshafen hat diesen Tip sogar per Rundschreiben verbreitet. Für die Sparkasse Uberlingen beispielsweise bedeutete der neue Zeittakt im erweiterten Ortsnetz eine erhebliche Einsparung von Telephonkosten. Der Direktor der Sparkasse verglich die fünf Monate von April bis August mit denen des Vorjahres und stellte fest: „Obwohl unser Geschäftsumfang gleichgeblieben ist, haben wir 30 Prozent Telephonkosten eingespart.“

Einsparungen bei der Telephonkundschaft und Einnahmeverluste bei der Post gab es auch in den Probegebieten Fulda und Hilders. Ein Sprecher der OPD-Frankfurt: „Je nach Größe der früheren Ortsnetze haben wir im Bereich Fulda weniger Einnahmen von 8 bis 36 Prozent.“ Im neu geschnittenen Netz Hilders sind bei unveränderter Gesprächigkeit der Telephonpartner die Gebühreneinnahmen um 20 Prozent gesunken. Der Acht-Minuten-Zeittakt im Versuchsbereich Regensburg führte bei der Oberpostdirektion dazu, daß durchschnittlich zehn Prozent weniger Gebühren in der Telephonkasse klingelten. Denn in Regensburg können nun 45 000 Anschlußinhaber – rund 10 000 mehr als bisher – acht Minuten lang für 23 Pfennig telephonieren.