Von Bernd Jasper

Lahn

Es begann damit, daß der damalige Wetzlarer SPD-Landrat Dr. Werner Best Ende 1969 in einer Journalistenrunde von einer „kommunalpolitischen Utopie“ sprach, die eines Tages ganz sicher Schlagzeilen machen werde. Die Schlagzeilen kamen und die Utopie wurde Wirklichkeit, garstige Wirklichkeit. Gemeint ist „Lahn“, jene künstliche hessische Stadt, fast haargenau auf der Mitte der bundesrepublikanischen Nord-Süd-Achse, der wenige Monate nach ihrer Taufe schon wieder der Garaus gemacht werden soll.

Selbst Werner Best, zwischenzeitlich zum Minister avanciert und schon wieder zum schlichten Abgeordneten im Wiesbadener Landtag degradiert, fällt zu dem kommunalen Gebilde, bestehend aus der ehedem freien Reichsstadt Wetzlar, der Universitätsstadt Gießen und 14 umliegenden Ortschaften, nicht mehr viel ein. Seit seine Partei am 20. März dieses Jahres die Kommunalwahlen in Lahn verlor und der designierte Lahn-Killer CDU mit absoluter Mandatsmehrheit ausgestattet wurde, ist die anfängliche Euphorie einer stummen Resignation gewichen: SPD und Koalitionspartner FDP, die gegen den Widerstand der Bevölkerung die Großstadt herbeibefohlen hatten, haben die Köpfe eingezogen und harren der Dinge, die da kommen.

Was kommen wird, ist Sache der CDU, der ihr verbundenen Freien Wählergemeinschaft und eines Plebiszits, das von den Mehrheitsparteien im Lahner Kommunalparlament für die nächsten Wochen in Aussicht gestellt wurde. Man braucht kein Prophet zu sein, um zu wissen, was bei dieser Volksbefragung herauskommen wird: Die Bürger wollen ihr altes Wetzlar und ihr altes Gießen wiederhaben. Und auch die Dörfler ringsum, die in der Neujahrsnacht 1977 zu Großstädtern wurden, drängt es in den provinziellen Ursprung zurück.

Die Experten sind sich inzwischen einig, daß Lahn ein Unfug in großen Dimensionen ist. Statt die beiden in jeder Hinsicht unterschiedlichen Städte durch Zweckverbände und gemeinsame kommunale Planungsstäbe zu einer Vernunftehe zu bringen, schufen die Reformer eine Haßehe, die nur darauf wartet, wieder geschieden zu werden.

Die CDU schickt sich an, die Rolle des Scheidungsrichters zu übernehmen. Sie wird Tausende von emotionsgeladenen Anwälten in der Bevölkerung finden: Leute, die den phantasielosen Namen Lahn als Schimpf und Schande empfinden, Gewerbetreibende und Industrielle, die den alten Stadtnamen als Gütezeichen verwendeten (wie der Optik-Riese Zeiss/Wetzlar) und zahllose ehemalige Gemeinderäte und Bürgermeister, die um ihren kommunalen Job gebracht wurden.