„Was die Dichterinnen betrifft, so wächst ihre Zahl seit hundert Jahren ständig – in Deutschland wie in der ganzen Welt. Und in einem Punkt wenigstens überflügeln die deutschen Akademien die Pariser Akademie. Sie haben weibliche Mitglieder. Die französische hat sie nicht – vielleicht aus einem gesunden Abwehrreflex von Männern, die die Tür hinter sich zufallen lassen: endlich unter uns, wo doch in den Kulissen Frauen die Wahlmacherinnen gewesen sind und es bleiben. Selbst die große Colette mußte in die etwas aufgeschlossenere Académie Goncourt abwandern, und damit Simone de Beauvoir in die Französische Akademie käme, brauchte es allen Ernstes einen neuen Weltkrieg, eine Weltrevolution. Und doch darf an der allgemeinen Bemerkung festgehalten werden: in Frankreich ist die Frau viel aktiver als in Deutschland mit der Literatur und dem ganzen Kulturleben verbunden–als Schriftstellerin, als Inspiration literarischer Zirkel, als Heroin des öffentlichen Lebens.“

Robert Minder: „Dichter in der Gesellschaft“, st 33, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1972.

Die ersten Minnesänger waren männlich, wird uns überliefert. Auch die Hofnarren, denen wir uns heute noch verwandt fühlen. Das „Volk der Dichter und Denker“ orientiert sich am männlichen Prototyp. Wer sich aufrichtig befragt, macht eine frappierende Entdeckung: Mit deutscher Gegenwartsliteratur verbindet er mehr Böll als Bachmann. Männliche Autoren scheinen gewichtiger; ihre Namen sind schneller parat. Wir haben die Traditionen noch nicht überwunden, in denen wir groß wurden.

Nach dem „Autorenreport“ sind von hundert Autoren einundzwanzig weiblich. Von hundert PEN-Mitgliedern nur elf: Man ist dort in guter Gesellschaft, wie anderswo auch. Ob es sich um Tagungen, Anthologien, Verbandsarbeit oder literarische Gruppierungen handelt: Nirgends ist die schreibende Frau prozentual so vertreten, wie sie es nach dem Schlüssel 21 vom Hundert sein könnte.

Die Frau bleibt Ausnahmeerscheinung. Die Frau ist der weiße Rabe im Schwarm.

Wir sagen PEN und denken Walter Jens und Martin Gregor-Dellin, sagen VS (Verband Deutscher Schriftsteller) und meinen Lattmann, meinen Engelmann. Frauen führen keinen Vorsitz, obwohl es Versuche gab. Gewählt wurden Alibi-Frauen: der weiße Vorzeige-Rabe, die Gehegte im Gehege. Erst nach langem Nachdenken stoßen wir auf Namen weiblicher Autoren, die in jahrelangem persönlichen Einsatz und mühsamer Kleinarbeit den Aufbau von Autoren-Organisationen gefördert und entscheidend beeinflußt haben wie etwa Ingeborg Drewitz. Ihre Arbeit wird von männlichen Kollegen hoch geschätzt. Bewundert wird der Fleiß, mit dem sie, zäh und energisch, ihr Arbeitspensum erfüllt. Anerkannt wird ihre Bescheidenheit, mit der sie den Beifall entgegennimmt, den ihr die Vollversammlung nach ein oder zwei Jahren und verbindlichen Worten des Vorsitzenden zollt. Die Kollegen können sich auf sie verlassen. Und für den Vorsitz wählen sie einen der ihren.

Zynische Replik: auch Vorsitz hat etwas mit Männlichkeit zu tun. Der Mann ist das Haupt, die Frau wird ins Glied verwiesen.