Wie soll man das tun: „sich in gemeinschaftlicher Verantwortung mehr noch als bisher um das Gesicht (nicht nur um das Image)“ einer „Stadt kümmern“, zum Beispiel das von Bielefeld, wenn es doch nicht einmal alle diejenigen kennen, die darin leben und damit tagtäglich umgehen? Wer war denn nicht schon über seine Unkenntnis überrascht, als er, wahrscheinlich bei Rot an der Kreuzung, aus Langeweile und Ärger plötzlich Fassaden hinauf zu blicken begann und nie gesehene, nicht einmal geahnte Details entdeckte? Jede Stadt ist übervoll von solchen Einzelheiten, die ihr Bild ausmachen – aber erst, wenn man etwas davon weiß, beginnt man sich dafür zu interessieren und sich dann auch gegen die „Zumutungen der Häßlichkeiten“ zu wehren.

Eben dies hatte Ulrich Weisner im Sinn, als er dem Gesicht der Stadt Bielefeld sozusagen bis in die Zornes- und Lachfältchen, auf die kosmetischen Retuschen und in die Poren leuchtete und seine Entdeckungen in der Kunsthalle systematisch aufreihte: Türen, Eingänge, Fenster und Erker, Ornamente, Giebel, Häuserfronten und Häuserecken, Straßen und Plätze und die Räume, die sie bilden (oder nicht), Gitter, Hecken und Zäune, verschiedene Arten von Pflaster und von Dächern. Man stolpert aber auch über die groben Spuren der Zerstörung, Veränderungen, Häuserschicksale zum Erbarmen.

Nicht nur „darf und muß man wieder über Gestaltung sprechen“, sondern, sagt Weisner: „Informiert sind sie (die Stadtbewohner) sehender, sicher auch leidender, aber auch fähiger zur Vermeidung von Mißgriffen im eigenen Verantwortungsbereich, fähiger auch zur Förderung – positiver Veränderungen.“ Gestalt-Unterricht also als Anleitung zur (politischen) Teilnahme.

Noch viel weiter war damit das Museum Bochum schon bei seiner ersten Stadtausstellung vor anderthalb Jahren gegangen, als es den „Umbau der Stadt“ vorführte, genauer; die Aufteilung der Stadt in die Vielzahl ihrer streng getrennten Funktionen. Michael Fehr und Diethelm Koch setzen nun ihre erfolgreiche, mit bemerkenswertem didaktischen Geschick eingerichtete Ausstellung von damals fort und führen – wieder mit ausgezeichneten, oft aggressiv-realistischen Photos und konzentrierten kurzen Texten – vor, wie es ist, in dieser umgebauten, dem Auto angepaßten und auf Steigerung von Produktivität und Profit angelegten Stadt zu wohnen. Ihr Lehrstück geht „über die moderne Art zu leben“ oder: über die „Rationalisierung des Lebens in der modernen Stadt“.

Eigentlich brauchte man nur die Texte dieser scharfsinnigen Analyse aneinanderzureihen, um sich der Katastrophe bewußt zu werden, in die wir unbewußt geraten oder uns hineinlaviert haben. Es genügte fürs erste schon, die Ansammlung von Schildern zu betrachten, um inne zu werden, daß man nicht mehr wie in der traditionellen Stadt „in einem Zentrum“ lebt, das alles bot, was für die leibliche und kulturelle Existenz notwendig war, sondern zwischen einer unendlichen Vielzahl von nötig gewordenen, geplanten, bürokratisch heraufbeschworenen oder kommerziell herausgekitzelten „Zentren“: Jugend-, Kultur-, Stadt-, Wasch-, Rechen-, Play-, Reifen-, Möbel-, Uni-, Eros-, Alten-, Schwimm-, Deco-, Garten-, Freizeit-Zentren. (Kunsthalle Bielefeld bis 6. Oktober, Katalog 10 Mark; Museum Bochum bis 9. Oktober, Katalog 16 Mark) Manfred Sack