ARD und ZDF: Berichterstattung zur Schleyer-Entführung.

Die strikte Nachrichtensperre hatte ihr Gutes: Nicht unter dem Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit (da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, an diesem Montag), wohl aber unter dem Aspekt der Humanität und Ästhetik. Das wenige, was gezeigt wurde, war ekelerregend; die Geilheit der Kameras kennt keine Grenzen: Wenn ein Fleischklumpen, ein unter der Decke herausragender Fuß, ein toter Leib auf der Straße gefilmt werden kann, dann kommt er auch auf den Bildschirm. Was zählen die Empfindungen eines Kindes, dessen Vater da liegt, gegen das angebliche Informationsbedürfnis sogenannter Millionen? (Nichts zählen sie.)

Ist es nötig, gilt es zu fragen, das Bild des Entführten, die Photographie eines entwürdigten Menschen, aufgenommen im Zustand äußerster Erniedrigung und Angst, in die Kneipen und die guten Stuben zu tragen? Seit wann sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten Dependancen von „Bild“? (Der weinende Barzel am Grabe der Tochter. Die schändliche, von Werner Höfer jüngst mit schneidender Verachtung Springerscher Praktiken noch einmal zitierte Berichterstattung über den Trauerfall im Hause Sachs.)

Und weiter: ist es wirklich unabdingbar, den Polizisten, die sich in ihren Amtsstuben zu Ehren ihrer toten Kollegen erheben, so nah auf den Leib zu rücken, daß sie wie Schaufensterpuppen erscheinen, regungslos und groß: postiert, damit die Kameras Gelegenheit haben zu zeigen, wie Ergriffenheit von Männern aus der Nähe ausschaut?

Kurzum, es war gut, daß die Nachrichtensperre wenn nicht das Schlimme, so doch das Schlimmste vom Bildschirm verbannte. Was aber die Morde, die Entführung und die Lage im Lande angeht, so ist nicht zu begreifen, warum in diesen Tagen offensichtlich kein Albertz und kein Gollwitzer, kein Kurt Scharf und kein Heinrich Böll gebeten wurden, jenen Apologeten der Gewalt ins Gewissen zu reden, den sogenannten Sympathisanten, die sich – unfähig, die Ereignisse aus der Perspektive der Opfer zu sehen – zu Komplizen von Mördern und damit, indirekt, zu Helfershelfern einer Reaktion machen lassen, die den Terrorismus als Vorwand benutzt, um zum Großreinemachen zu schreiten: Kapitalismus-Kritik als Beförderung des Verbrechens, Sozialismus und Mord in einem Atem genannt!

Ja, warum sprachen sie nicht, warum konnten sie nicht in lebendiger Rede verdeutlichen, was, in einer gemeinsamen Erklärung formuliert, als knappe Nachricht wirkungslos blieb – die Männer, deren Moralität deshalb unantastbar ist, weil sie, anders als mancher Politiker, der im McCarthy-Tonfall die Einheit der Demokraten beschwört, mit reinen Händen dastehen: respektiert um ihrer Integrität willen, auch von jenen Fast- und Noch-nicht-ganz-Sympathisanten, die es zu überzeugen gilt, daß der Terror nicht die Konsequenz, sondern die Negation des Sozialismus ist.

Statt der verständigen Argumentation und des behutsamen Worts regierte die Phrase, Links und Rechts beschworen den wehrhaften Staat; Filbinger,. Schieß und Compagnie hatten das Sagen; Versöhner, Anwälte der Kirche unter dem Kreuz, auf die es ankam in dieser Woche, wurden offenbar nicht gebeten, das Ihre zu sagen.