Wir leben doch in einer Autogesellschaft. Das beweisen die Verkaufszahlen der Autohersteller und das Reiseverhalten der Bundesbürger. Denn nichts anderes hat, so registrieren die großen Veranstalter, in der letzten Saison so sehr das Tourismusgeschäft beeinflußt wie das vielgeliebte Auto.

Seit Autos teurer geworden sind, Preise von 10 000 bis 20 000 Mark für Mittelklassewagen keinem Verkäufer mehr die Schamröte ins Gesicht treiben, zusätzlich die Unterhaltskosten so hoch geworden sind, daß man sie lieber nicht mehr in seiner privaten Buchhaltung genau ermehr bleibt im Familienbudget einfach weniger Geld für andere Ausgaben –wie das Reisen – übrig. Und wenn man nun schon das lieb, aber teuer gewordene Auto hat, so scheinen sich die Leute zu sagen, dann wollen wir auch etwas davon haben. „Wir fahren mit dem Auto in den Urlaub“, ist dann häufig der Beschluß des Familienrats. Und wenn man ein besonders teures hat, möchte man es ja ohnehin gerne vorzeigen.

So fährt ein immer größerer Teil der 24 Millionen Deutschen, die jährlich Urlaub machen, mit dem eigenen fahrbaren Untersatz: nach Österreich, Jugoslawien, Italien, Spanien oder in noch fernere Ferienländer. Immerhin hat sich deren Zahl von 60 auf fast 65 Prozent in der letzten Saison erhöht.

Für die Veranstalter war es dann kein Wunder, wenn die Ferienwohnungen wie warme Semmeln weggingen und Zuwachsraten von 15 bis 20 Prozent bei den Veranstaltern (die sie im Programm hatten) fast zur Regel wurden. Das Angebot reichte bei den meisten dann auch nicht aus. Und es ist auch kein Wunder, wenn der ADAC, der sich natürlich am stärksten um die autoreisenden Urlauber kümmert, am euphorischsten über die letzte Saison berichtet.

Der Autoboom dürfte gleichzeitig die Erklärung für den allgemeinen Rückgang bei Bahnreisen sein. Nicht umsonst hat ein Veranstalter, Scharnow, diese völlig aus seinem Programm gestrichen. Einige Veranstalter führen darauf aber auch den Rückgang bei Charterflügen zurück.

Die Belastung des Familienbudgets durch das Auto dürfte auch mit ein Grund für das steigende Preisbewußtsein bei vielen Untenberg sein. Man hat Vergleichen gelernt, ist erfahren genug, um Billiges von Preiswertem unterscheiden zu können. So wird der wiedergekehrte Spanienboom erklärt und der Rückgang der Touristenzahl in Griechenland, wo die Hoteliers nach einer glänzenden Saison ihre Preise gleich um über 20 Prozent durchschnittlich erhöhten – und als Ausgleich vielfach den Service schlechter werden ließen.

Allerdings gibt es unter den deutschen Touristen auch eine große Zahl gutverdienender, die sich weder von Autokosten noch von Reisekosten besonders in ihren Entscheidungen beirren lassen. (Der Beweis wird durch die ständig größere Nachfrage nach Fernreisen in alle Welt, die auch von wirtschaftlichen Unsicherheiten nicht beeinträchtigt wurde, geliefert.) Für den Breitentourismus dürfte jedoch ein Wort gelten, das seit längerem in der Reisebranche die Runde macht: „Solange es einen Autoboom gibt, solange wird es keinen großen Reiseboom geben.“ Horst Kerlikowsky