Feuerwerk, Maskenball, magische Formeln: „Soleil, orbite, midi.“ Die Piraten verwandeln sich in Götter, auf einer verfallenden Festung im Atlantik messen Giulia, die Tochter der Sonne, und Morag, die Tochter des Mondes, ihre Kräfte in einer letzten, wahnwitzigen Anstrengung. Während das Bild sich rot färbt und rasche, grobkörnige Schwarzweißeinstellungen das Geheimnis der Mondgöttin zugleich preisgeben und noch rätselhafter machen, führen im Schein vereinzelt flackernder Feuer grazile Gestalten in schwarzen und weißen Halbmasken rituelle Todestänze auf. Nur Giulia, angetan mit einem weißen Hosenanzug und einem ebensolchen Turban, und Morag, ganz in Schwarz, mit einem edelsteinbesetzten Kopfschmuck, überstehen das Gemetzel ihrer Vasallen. Schließlich rennen sie sich ihre langen Piratenmesser gegenseitig in den Leib. Mit einem Lachen, das nicht enden will, das nicht von dieser Welt ist, sinken sie zu Boden.

Diese grandiose Grand-Guignol-Sequenz, diese erschöpfende Raserei ohne Maß und ohne Beispiel, beendet nach 137 Minuten einen befremdlichen Spuk: einerseits eine Etüde über Cyrill Tourneurs elisabethanisches Drama „The Revenger’s Tragedy“ von 1608, andererseits eine Reise in das Bilder-Reich des amerikanischen Piratenkinos von Jacques Tourneurs „Anne of the Indies“ bis Fritz Langs „Moonfleet“, zuerst aber ein weiterer Entwurf der um keine erzählerischen Konventionen sich scherenden Märchen- und Phantasiewelt des Filmemachers Jacques Rivette.

Die Töchter des Feuers

„Nordwestwind“ (Noroît) ist der dritte Teil von Rivettes mythologischer Tetralogie „Scènes de la vie parallele“, deren zweiten, „Duelle“, wir im letzten Jahr sehen konnten und deren erster, der ursprünglich „Marie et Julien“ heißen sollte und von der Liebesgeschichte zwischen erster, Sterblichen und einer Fee handelt, zur Zeit unter dem Titel „Merry-Go-Round“ mit Maria Schneider und Joe Dallessandro für ein Mini-Budget von rund 300 000 Mark gedreht wird. Wann der letzte Teil des Werks, dem ein vette zuerst den Gesamttitel „Les filles du feu“ (Die Töchter des Feuers) geben wollte, entstehen wird, steht noch nicht fest. Nach dem Plan müßte es ein Musical um eine Göttin und drei irdische Männer werden („Carlotta“), aber Rivette liebt es viel zu sehr, sich selber und seine Zuschauer mit immer neuen Improvisationen und Veränderungen zu überraschen, als und man jetzt schon dieser Konzeption sicher, sein könnte.

Für alle Filme der Tetralogie soll eine gemeinsame Spielregel gelten: Sie alle handeln von der Begegnung zwischen Unsterblichen und Erdenmenschen, sie alle spielen in der vierzig Tage währenden Karnevalszeit zwischen dem letzten Neumond des Winters und dem ersten Vollmond des Frühlings, jener Zeitspanne, in der die Götter sich unter die Menschen mischen dürfen. In allen geht es um ein Duell zwischen den Gottheiten der Sonne und des Mondes, und alle Götter sind Frauen.

Dem Betrachter von „Nordwestwind“ nützen diese Kenntnisse allerdings wenig. Denn „Noroît“, der dank der Initiative des kleinen Münchner „prokino“-Verleihs bei uns noch vor der Pariser Uraufführung anläuft, ist alles andere als eine Fortsetzung von „Duelle“. Hatte Rivette dort mit Hilfe seines genialen Kameramanns William Lubschansky das Paris des Jahres 1976 in ein unwirkliches Labyrinth dunkler Träume und bizarrer Begegnungen verwandelt, so zieht in sich hier vollends auf einen dunkler jenseits präzis definierbarer Zeiten und Räume zurück: auf eine Insel (angeblich im Atlantik, aber sie könnte auch irgendwo sonst sein), in ein verwegenes, kunterbuntes Niemandsland, in dem sich die unterschiedlichsten Stile, Formen und Moden mit märchenhafter Selbstverständlichkeit begegnen.

Manche der Piraten von Giulia und Morag tragen wilde, nach Hollywood-Art romantische Freibeuterkostüme, andere bevorzugen eher unauffällige, moderne Alltagssachen; die grausame Königin Giulia selber, gegen die Morag einen monströsen Rachefeldzug unternimmt, präsentiert sich in einem atemberaubend violetten Hosenanzug aus glänzendem Kunstleder, einer Kreation, die man kaum dem trunkensten Kreativitätswahn der Pariser Haute Couture zutrauen mag. Es dominieren leuchtende, bis zur Parodie ihrer selbst heftige Farben, so grüne trauen und so blaue Blaus, wie sie sich unsere bescheidene Realität nur im Kino zu leisten versteht, und natürlich damit zusammenhängt, daß sich Rivette für nichts weniger interessiert als eine naturalistisch darstellbare zusammenhängt, die ihren Mangel an Phantasie und spielerischer Lust hinter der Berufung auf scheinbar objektive Zwänge versteckt.