Von Ulrich Schiller

Washington, im September

Ein Lichtstrahl fiel am Wochenende auf das Weiße Haus: Der Befund des respektierten Mr. Gallup – 66 Prozent der Amerikaner sind mit der Amtsführung ihres Präsidenten durchaus zufrieden. Lance-Affäre hin, Panama-Kanal her, das Volk läßt sich in seiner Faszination, die Jimmy Carter durch die von ihm verheißene Reamerikanisierung der Nation und die Rückbesinnung auf die alten Werte verbreitet hat, offenbar nicht erschüttern. Gefährlicher freilich als der Verlust an Punkten in der Gunst des Volkes ist für Carter im Augenblick, daß viele, milde gesagt, Nichterfolge, Rück- und Fehlschläge in wichtigen Bereichen der Innen- und Außenpolitik zeitlich zusammenfallen mit der Affäre seines Freundes, des Haushaltsdirektors Bert Lance.

Längst steht nicht mehr die Frage im Vordergrund, wie Lance vor dem Senat die Rechtfertigung seiner leichtsinnigen, geldgierigen Kreditgeschäfte anlegen will und wie er das Verhör besteht. Für den Kongreß, für die argwöhnische Presse und die politische Intelligenz im Lande geht es jetzt im wesentlichen darum, wie Jimmy Carter mit der Affäre fertig wird, die für ihn persönlich alle Züge einer Tragödie trägt und für seine Präsidentschaft von höchster Bedeutung ist.

Natürlich haben die Berichte und Vermutungen über Lance, die seit Wochen Schlagzeilen machen, Zweifel geweckt, wie es denn um Carters Urteilsvermögen und um seine Fähigkeit in der Regierung bestellt ist, Krisen zu bewältigen. Auguren stochern wieder in Carters Charakter herum, vermuten hinter stahlharten Augen Zaudern und Abhängigkeitsbedürfnis und versuchen abzuwägen zwischen einerseits anspruchsvollen moralischen Prinzipien des Präsidenten und andererseits der Praxis seines Handelns.

An Theodore Sorensen wird erinnert, den Jimmy Carter zuerst zum neuen CIA-Direktor ernennen wollte, dann aber rasch wie eine heiße Kartoffel fallen ließ, als sich Kritik an Sorensens Haltung und Eignung regte. Einen Chef des Bundeskriminalamtes hatte Carter feuern wollen, weil für dessen Heimverschönerung an FBI-Hobelbänken gewerkelt worden war – ein Delikt, das gegenüber der Verquickung von Machtposition und persönlichem Vorteil durch den Bankdirektor Lance verblassen muß, auch wenn Privatwirtschaft und Regierungsamt zwei verschiedene Dinge sind. Mit Carters Moralkodex war das Geschäftsgebaren seines Freundes Lance allemal unvereinbar. Hielt der Präsident also zwei Ellen bereit, mit denen er Maß nahm, oder wußte er nicht alles, als er zu Protokoll gab: „Bert, ich bin stolz auf Dich?“ –

Inzwischen ist Jimmy Carter auf Distanz gegangen. Inzwischen ist es aber auch nur von zweitrangiger Bedeutung,-was der findige Bert Lance zur Mehrung seines Vermögens alles getan hat und was dabei alles dubios gewesen ist. In erster Linie geht es jetzt um die Frage, warum der Senat, als er im Dezember und Januar die öffentlichen Anhörungen aus Anlaß der Ernennung von Bert Lance zum Haushaltsdirektor abhielt, nicht vollständig oder sogar irreführend informiert wurde. Denn viele Leute wußten schon vor den Senats-Hearings Dinge über Lance, die die Öffentlichkeit und der Senat erst jetzt erfahren. Und seit dieser unterschiedliche Informationsstand bekannt ist, dreht sich die Lance-Debatte fast nur noch um diese Peinlichkeit.