Von Kurt Wendt

Ruchbar wurde die Berufung von Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs zum Vorstandssprecher der Dresdner Bank durch eine Indiskretion. Während in den Vorstandsbüros der Dresdner Bank noch alles versucht wurde, die Angelegenheit geheimzuhalten (sogar vor den meisten Aufsichtsratsmitgliedern), pfiffen die Bonner Spatzen den geplanten Stellungswechsel bereits von den Dächern. Kein guter Start in einer Branche, zu deren wichtigste Tugend die Verschwiegenheit gehört.

Der Dresdner Bank blieb nichts anderes übrig, als die Flucht nach vorn anzutreten und zu veröffentlichen, was dem, Plenum ihres. Aufsichtsrates erst am 30. September zur Beschlußfassung vorgelegt werden soll, nämlich die Bestellung von Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs zum ordentlichen. Vorstandsmitglied. Schon heute steht fest, daß er nach der nächsten Hauptversammlung am 19. Mai die Funktion des Vorstandssprechers übernehmen soll. Damit würde er dann die Nachfolge des am 30. Juli 1977 ermordeten Jürgen Ponto antreten.

Helmut Haeusgen, der nach dem tragischen Tod von Ponto zunächst in die Bresche gesprungen ist, soll dann in den Aufsichtsrat überwechseln. Er wird dort im Sessel des Vorsitzenden Platz nehmen, sobald der heute 74jährige Wirtschaftsberater Hermann Richter ihn räumt.

Daß Friderichs’ Postenwechsel gerade bekannt wurde, als die Bundesregierung um Freiheit und Leben des entführten Arbeitgeberpräsidenten Schleyer rang, ist peinlich, aber Friderichs nicht anzulasten. Daß er die Bundesregierung ausgerechnet in einer Zeit verlassen will, in der sie einen schweren Kampf gegen die wirtschaftliche Dauerkrise und um die Rettung ihres Kernenergieprogramms fechten muß, wird von vielen als Desertion betrachtet werden.

Aber die Dresdner Bank hat sicherlich auf eine rasche Entscheidung gedrängt. Und das mit guten Gründen. Für sie war nur ein Friderichs mit intaktem Ansehen von Wert. Und dieser Wert ist in den letzten Wochen ständig gesunken, jedenfalls im Inland. In Bonn und an den Börsen kursiert bereits das Wort vom „glücklosesten Wirtschaftsminister nach Kurt Schmücker“. Auf dem kommenden FDP-Parteitag in Kiel, so ist zu vermuten, hätten die Linken der Partei ihrem ungeliebten stellvertretenden Parteivorsitzenden heftig zugesetzt. Seine Wirtschafts- und Energiepolitik wären mit Sicherheit scharf unter Beschuß genommen worden. Daran konnte weder der Bank noch ihrem künftigen Sprecher sonderlich gelegen sein.

In Bankkreisen wird der Einkauf der Dresdner Bank als „sehr geschickter Schachzug“ gewertet. Friderichs, so wird behauptet, sei „für ein bis zwei Milliarden Bilanzsumme gut“. Von ihm wird erwartet, daß er seine als Wirtschaftsminister angebahnten Verbindungen, besonders im Nahostbereich, sofort in den Dienst der Dresdner Bank stellt, die sich unter Jürgen Ponto verstärkt dem Auslandsgeschäft zugewandt hatte. Hier herrscht ein so harter Wettbewerb – auch unter den deutschen Kreditinstituten –, daß man offenbar eine Persönlichkeit von hohem internationalen Ansehen braucht, um mithalten zu können. Die Dresdner Bank verfügt zwar im Vorstand über ausgezeichnete Experten auf diesem Feld; doch niemand schien zum gegenwärtigen Zeitpunkt geeignet, die Dresner Bank so zu repräsentieren, wie es Jürgen Ponto konnte.