Die Nachricht, daß Friderichs seinen Ministerposten aufgibt, um Vorstandssprecher der Dresdner Bank zu werden, interessiert mich nicht nur als Staatsbürger, sondern auch als Kunde dieser Bank. Ähnlich wie der Kanzler, auch wie Friderichs’ FDP, bin auch ich von seinem Entschluß überrascht worden. Wir Kunden haben weder vorher etwas munkeln hören, ob wir Friderichs überhaupt haben wollen.

Als Kunde sind meine Gefühle unserem zukünftigen Chef gegenüber sehr gemischt. Einerseits macht sich ein ehemaliger Wirtschaftsminister an der Spitze des Unternehmens sicher nicht schlecht: „Friderichs? Doch nicht der Friderichs? Aber auch, weil er natürlich durch seinen früheren Job Kontakte einbringt, die unserer Bank von großem Nutzen sein können. Andererseits kommen manche wirtschaftliche Fehlprognosen auf sein Konto, und es scheint, als habe er als Wirtschaftsminister etwas abgewirtschaftet. Da könnte es so aussehen, als sei er für diesen neuen Job noch eben gut genug – für uns sollte der Beste noch eben gut genug sein!

Dann scheint er mir für diesen verantwortungsvollen Job – immerhin liegt mein Geld in seiner Hand! – etwas zu jung zu sein, und leider kennt er seine Bank, wie die meisten von uns, nur aus der Schalterhallenperspektive, fehlt ihm also jede Praxis. Ferner würde ich unserem zukünftigen Chef einen größeren Kredit an Vertrauen einräumen, wenn seine bisherige Karriere nicht auf mich einen so unsteten Eindruck machen würde. Immer, wenn er etwas holprig wurde, ist er zeitig – sogar mitten im Galopp! aus- beziehungsweise umgestiegen.

Dabei haben Art und Zeitpunkt seines diesmaligen Wechsels das Vertrauenskapital, was seine Standhaftigkeit anbelangt, auch nicht gerade erhöht. Wie würde er sich als Kapitän verhalten, sollte unsere Bank, wenn auch ohne sein direktes Zutun, in eine Sturmwoge geraten?

Zugegeben: Jeder denkt zunächst an sein eigenes berufliches Fortkommen und will sich gern mal verändern, wenn möglich verbessern. Im Staatsdienst war ihm die weitere Laufbahn versperrt, weil den Kanzlerposten schon Schmidt innehat, und selbst FDP-Chef kann er nicht werden, weil das schon Genscher ist.

Wenn nun Friderichs „rein persönliche“ Gründe für seinen Wechsel anführt, so dürfen wir ihm das ruhig glauben – denn wer von uns würde lange fackeln, wenn er statt lumpige 300 600 Mark im Jahr beim Staat mehr als das Doppelte bei einer Bank verdienen kann? So bin ich sogar ganz froh, daß wir, also meine Bank, ihm so ein fürstliches Gehalt zahlen können, bietet das doch die Gewähr, daß er uns nicht bald wieder durch ein verlockendes Angebot abgeworben wird und wir dann wieder ohne Vorstandssprecher sind.

Wenn ich dennoch ein gewisses Unbehagen nicht unterdrücken kann, so hat das mit meinem Konto zu tun. Zwischen meiner Bank und mir bestand bisher ein gewisses Vertrauensverhältnis: Ich vermied es, ihr indiskrete Fragen danach zu stellen, was sie mit meinem Geld anfängt – und die Bank fragte mich nie, warum ich dauernd Überziehungskredite brauche und ob ich gedenke, sie gelegentlich zurückzuzahlen.

Nun sind neue Besen dafür bekannt, daß sie erst mal das Oberste zuunterst kehren. Und da geht mir doch einfach der Gedanke nicht aus dem Kopf: Was nun, wenn Friderichs damit erst mal bei meinem Konto anfängt? Sollte ich vielleicht lieber rechtzeitig meine Bank wechseln – oder hieße es dann gleich wieder, wie jetzt bei Friderichs: Fahnenflucht!