Falls Church/Virginia

Mein Sohn Chris steht zehn Meter von mir entfernt, einen Fußball vor den Füßen. Er denkt sich, er sei George Best, Pelé oder Franz Beckenbauer. Ich stehe im Tor und bilde mir ein, ich könnte den Ball halten. Ich soll Eric Martin sein, der englische Torwart des Profi-Fußballklubs„Washington Diplomats“. Chris spielt für „New York Cosmos“. Das Spiel zwischen uns steht zur Zeit unentschieden.

„Bist du fertig?“ fragt Chris. Dann schießt er den Ball aufs Tor, hüfthoch. Ich fauste, der Ball springt zurück, und Chris kickt ihn an mir vorbei ins Netz. Tor für „Cosmos“.

Wenn ein zehnjähriger amerikanischer Junge davon träumt, einmal ein Fußballspieler wie Pelé, Eric Martin oder Beckenbauer zu werden, dann bahnt sich ein Wechsel im amerikanischen Sport an.

In den letzten vier Jahren ist Fußball in den südlichen Washingtoner Vorstädten plötzlich „in“ geworden. Ungefähr 20 000 Jungen und Mädchen im schulpflichtigen Alter spielen jedes Wochenende hier im nördlichen Virginia Fußball in organisierten Ligen. Von den fünf oder sechs engsten Freunden meines Sohnes spielt keiner mehr in einem Baseball- oder Football-Team.

Für mich war das alles zunächst ein bißchen rätselhaft. Soccer, wie wir den europäischen Fußball nennen, ist hier keineswegs ein neuer Sport. Er wurde schon vor 15 Jahren an der Oberschule und auf dem College gespielt, das ich damals in New Jersey besuchte. Doch außer den Spielern selbst interessierten sich nur wenige Leute für diese Sportart.

Als Chris sechs wurde und in einer Mannschaft mitspielen wollte, gab es bereits mehrere Soccer-Ligen, unter denen er wählen konnte. Fünfzehn Jahre vorher wäre ein Junge, der sich für Soccer entschied, von seinen Freunden als seltsamer Vogel angesehen worden – so, als hätte er sich in diesem frühen Alter entschlossen, sein Leben dem Billard oder dem japanischen Sumo-Ringen zu widmen.