Von Fritz J. Raddatz

Gestern passierte mir nichts“, heißt es in der ersten Zeile von Jürgen Beckers neuem Gedichtband. Das setzt voraus: jeder Tag fügt ihm etwas zu – im Doppelsinne des Wortes von „antun“ und „hinzutun“. Notate davon sind Beckers Gedichte, gänzlich. Ihre Welterfahrung ist Leiderfahrung, ihre Wahrnehmung heißt, „Falschnehmung“ im Wort zu bannen:

„Ich kenne, jeder kennt sie, einige Zeitgenossen: den spanischen König, den bayrischen Nationaltorwart Herrn Honecker und Mister Carter, die Korrespondenten der ARD –

den Mann nebenan

kenne ich nicht.“

Nicht aber sind Einsamkeit und „neue Innerlichkeit“ hier dekliniert – vielmehr wird Mißtrauen angemeldet gegen bare Münze, das Umtauschen der Welt in diese. Beckers Tauschakt ist ein anderer: Er stellt in neue Zusammenhänge, was der platt-objektive Zusammenhang um ihn herum anbietet. Es ist das Verfahren von Magritte, dem viele der neuen Gedichte gelten, ohne dessen Schocktechnik wohl, aber ganz in dessen Tradition einer humanen Rationalität, die gemeinhin „surrealistisch“ genannt wird; weil der Wirklichkeit Elemente des Wahren abgezwungen werden, indem man über diese hinausgeht. „Ränder“ oder „Felder“ hießen seine Prosaarbeiten. Der Wechsel zum Appell, den der neue, Ende September erscheinende Band im Titel zugibt – „Erzähl mir nichts vom Krieg“ ist nicht zufällig. Die beiden hier abgedruckten Gedichte (Erinnerungen an Ulrike Meinhof und Günter Grass) zeigen, wie sehr Beckers einst am Rande des Dürr-Stereoskopischen angesiedelte Menschenbeobachtung sich verändert hat in eine Sprechweise, die auf die Menschen zugeht. Das Neue an diesen Gedichten – wohl die beeindruckendste Lyrikpublikation dieses Herbstes – ist ihr dialogischer Charakter. War früher der Grundgestus von Beckers Literatur ein „Seht!“, so ist es jetzt ein „Seht her!“. Dieser neue Ton ist ablesbar bis ins vokabulare Detail – das häufigste Wort ist „wir“, die häufigste dramaturgische Situation ist „Gespräch“; ihr zugrunde liegt eine neue Moralität: „Der Krieg zwischen uns“ möge beendet sein.

Es gibt wenige Autoren, die mit jeder Veröffentlichung so konsequent ein Stück der eigenen Entwicklung belegen – durch weiterentwickelte artistische Mittel. Genaues Lesen seiner Prosa zeigte bereits, daß sie auch „gesprochen“ war – eine Vielzahl von Stimmen als Äußerungen eines aufgelösten Bewußtseins verlangte schließlich nach dem Hörspiel; das akustische Erzählen – etwa in „Häuser“ – führte konsequent zum „Sehen“: Stücke und Photogeschichten folgten; „Ein Hörspielfilm“ war die – scheinbar widersprüchliche – Weiterentwicklung, die Partitur zur Konkretisierung eines Bewußtseinsvorgangs, der während des Schreibens gleichzeitig abläuft und beides fixiert; und nun, als vorläufiger Höhepunkt, der Versuch des großen Gesprächs, wenn auch zersiebt von Skepsis: „Näher das Rauschen des Klärwerks; Du meintest, das Meer.“ Das Instrument Pinzette ist niedergelegt, es ist abgelöst von einer Gebärde des Flehentlichen – „Erkennungsmelodie“ ist das letzte Wort des Bandes.