Als ich sie zum erstenmal, am 18. Dezember 1968, besuchte, kam ich als jemand, der bemühte sich für einen Roman um Ereignisse, die vorgefallen waren, lange bevor er sie sehen oder begreifen konnte. Den Umgang mit Zeitgeschichte aber hatte Frau Boveri in ihrem Buch „Wir lügen alle“ vorgeführt in einer Weise, von der ich offenbar etwas lernen wollte. Es war eine Einladung zum Tee, mit höfenem Bauernbrot und hausgemachtem Quark, das Gespräch mag also angefangen haben bei Frau Boveris Tätigkeit am Berliner Tageblatt im Jahre 1934 und weitergegangen sein bis zu einem auffälligen Juni. Es wurde aber beobachtet von Katzen, die waren die Herrscher in diesem Haushalt, und ich wußte etwas ungemein Lügenhaftes zu erzählen von einem Internationalen Katzenvertrag (Sitz: Lissabon, Presse: Cats Daily).

Vielleicht wurde ich deswegen zum Wiederkommen aufgefordert, oder wir sind an jenem Abend nicht zu Rande gekommen mit den Tücken der Zeitgeschichte. Geworden ist daraus eine Freundschaft, in die recht bald meine Frau und meine Tochter hineingeholt wurden, mit Besuch im Garten, gemeinsamem Gang ins Kino, Berichten von Reisen, wechselseitigen Kommentaren zur jeweiligen Arbeit und einem frotzelnden Ton bei den verabredeten Streitpunkten: das Land Bayern, die Vereinigten Staaten, Vorzugsmilch der Domäne Dahlem für Katzen. Dabei hätte es bleiben sollen, von ihr aus.

Aber sie wußte zu viel. Der Name ihres Vaters hat ja sein eigenes Recht neben dem, was an schweizerischen Lokomotiven steht, nach seinem Tod war Wilhelm Röntgen der Berater ihrer Mutter geworden, auch in Fragen der Erziehung, das Kind war schon mit zwei und neun Jahren in Amerika zu Besuch gewesen, die Studentin hatte Maxim Gorki Tee serviert.

Ich bin keine Dame von Welt

Es kam so oft vor, diese Wendung von einer Geschichte, die eines Tages noch zu erzählen sei, und oft ging sie über die Geschichte des Dritten Reiches hinaus und war viel mehr als eine Geschichte, ein Beispiel der Historie. Das aber sind Kenntnisse, Wahrnehmungen vergangener Wirklichkeit, die dürfen nicht verlorengehen. Ich wünschte mir das aufgeschrieben.

Dagegen wehrte sie sich, so in einem Brief vom 20. Juli 1969: „Ich glaube, das Buch, wie Sie es vorschlagen, aus aneinandergereihten Erzählepisoden, würde nur bedrucktes Papier. Der Reiz an den Abenden mit Ihnen liegt doch daran, daß Sie mir gegenübersitzen, die Geschichten aus mir herausholen, ihnen mit Ihren Zwischenfragen eine neue Richtung geben oder, wie gestern, daß ich seh wie die Erzählungen (von einem Kollegen) Ihrer Frau Spaß machten. Daß also etwas Gemeinsames entsteht. Vielleicht gibt es Dinge, die man in Nichts aufgehen lassen soll, so daß nur die Erinnerung an einen Abend auf einer Terrasse bleibt. Wenn man es festhalten wollte, ginge es wahrscheinlich nur auf Platte oder Band, und dafür bin ich sicher wenig tauglich (aber für einen Versuch bereit).“

Nun hatte ich mich wohl gehütet, ihr etwa Vorschläge zu einer Form für das gewünschte Buch zu machen, die würde sie selbst entwerfen, aber ich war es zufrieden, daß sie sich mittlerweile Gedanken machte über die Form, ja schon über die mögliche Arbeitstechnik.