Simone de Beauvoir über die Möglichkeit weiblicher Selbstverwirklichung: Nicht im Ghetto sein

Warum fühlen sich Schriftstellerinnen besonders zur Form der Autobiographie hingezogen? Bemühen sie sich eher darum, etwas zu vermitteln, als etwas zu schaffen?

SIMONE DE BEAUVOIR: Viele Männer schreiben ebenfalls Autobiographien. Es handelt sich durchaus nicht um eine ausschließlich feminine Erscheinung. Sartre beispielsweise schrieb „Die Wörter“. Aber vielleicht ist insgesamt die Zahl der Frauen, die Autobiographien schreiben, doch größer. Ich weiß nicht, ob man sagen kann, sie seien eher bemüht, etwas zu vermitteln! Es mag sein, daß jetzt und heute die Frauen das Bedürfnis haben, sich auszudrücken, „einen Schrei loszulassen“, wie sie es gelegentlich nennen. Natürlich ist dabei das Nächstliegende, die eigene Erfahrung zu beschreiben, weil sie, wie ich meine, den Prozeß ihrer Bewußtwerdung als Frau erleben. Ihre persönlichen Erfahrungen sind von denen der Männer sehr verschieden, sie sind nicht bekannt, sie sind etwas Besonderes. Sie zu vermitteln, ist die Absicht der heute schreibenden Frauen.

Worms erwächst Ihrer Meinung nach das Bedürfnis der Frauen, kreativ zu werden? Julia Kristeva unterstreicht die Schwierigkeiten der schöpferisch tätigen Frau, die im Gegensatz zum Mann, die Sehnsucht nach der Mutter nicht mehr in der Liebe verwirklichen kann, es sei denn, sie entferne sich von den gesellschaftlichen Normen. „Da die prävedipale Phase der Frau an die Mutter bindet“, sagt sie, „ist jede schöpferische Tätigkeit von Frauen notwendigerweise von einem Phänomen der Homosexualität begleitet.“

S. d. B.: Oh, damit bin ich nicht einverstanden. Ich finde, daß man die Freudschen Schemata zu sehr benutzt hat. Man will sie allen Gerichten beimischen. Dabei haben die Männer der Kreativität gegenüber genauso ein Problem wie die Frauen. Künstlerisch Schaffende sind doch immer Ausnahmen. Aus diesem Grund muß das Individuum, und das hat Sartre im „Saint Genet“ sehr gut erklärt, sich sozusagen einen Ausweg schaffen. Dieses Individuum fühlt sich in seinem Leben immer mehr oder weniger verfolgt. Die Frau kann sich verfolgt fühlen, weil sie eine Frau ist, und nicht dieselben Aussichten hat wie ein Mann. Ich glaube, daß diese Tatsache mich in starkem Maße vorwärtsgetrieben hat. Ich hatte den Eindruck, daß die Welt der Männer viel reicher, offener, freier war, als die der Frauen. Ich wollte aus dieser Welt der Feminität herausgelangen, wie sie von meiner Mutter repräsentiert wurde: sie spülte das Geschirr und verrichtete eine Unzahl von ermüdenden Arbeiten. Ich wollte nicht so werden, und das Modell, das ich für die Zukunft hatte, war das der Schriftstellerin, da Schreiben immerhin ein Bereich ist, in dem Frauen am leichtesten kreativ werden. Man könnte fast sagen, daß ich mich trotz der Tatsache, eine Frau zu sein, behaupten wollte, denn damals erschien, mir das als ein Nachteil. Aber es ist eine Tatsache, daß sich die Frauen mehr für die Bücher von Frauen interessieren. Wenn ich zum Beispiel meine Umgebung betrachte, die Männer haben meist viel von Sartre gelesen, von Simone de Beauvoir zumindest weniger. Es gibt Frauen, die vor allem von sich selbst sprechen, wie Violette Leduc. Natürlich spricht sie viel von sich selbst, aber Doris Lesing, oder ich selbst, wir haben Themen angesprochen, die von ganz allgemeinem Interesse sind.

Virginia Woolf hat gesagt, daß der, der schreibt, sich nicht seiner Geschlechtszugehörigkeit bewußt sein soll. Es scheint, als entwickele sich in der gegenwärtigen feministischen Liter. ratur genau das Gegenteil. Wie sehen Sie dies?

S. d. B.: Nun, ich glaube, daß es gerade eine Errungenschaft des Feminismus ist, daß die Schriftstellerinnen, im Augenblick des Schreibens nicht die Tatsache wegschieben, Frau zu sein. Ich weiß, daß ich früher sehr verärgert gewesen wäre, wenn man mir gesagt hatte, ich würde Frauenliteratur schreiben. Und nun bin ich im Gegenteil sehr zufrieden, wenn ich denke, daß meine Bücher hauptsächlich Frauen interessieren, weil ich mich auch solidarisch mit den Frauen fühle. Und ich glaube, daß alle Feministinnen, – nicht alle Schriftstellerinnen, das Bedürfnis haben, sich in ihren Büchern als Frauen Anerkennung zu verschaffen. Das heißt, sie abstrahieren nicht von ihrer Geschlechtszugehörigkeit und wollen Dinge ausdrücken, die besonders die Frauen betreffen.