Auszüge aus dem Bericht des Forschungsministers über Chancen und Gefahren der Schnellen Brüter

Schnelle Brüter sind Kernspaltungsreaktoren, die zur Erzeugung von Elektrizität und Prozeßwärme bis zu Temperaturen von etwa 500 Grad Clesius eingesetzt werden können. Ihr besonderer Vorteil besteht darin, daß mit ihrer Hilfe das Uran sehr viel besser zur Energieerzeugung ausgenutzt werden kann als in allen anderen Kernreaktortypen. Die Steigerung des Ausnutzungsgrades des Urans kann bereits bis zum Ende dieses Jahrhunderts – vor allem aber danach – ein Elektrizitätsversorgungspotential erschließen, das an Langfristigkeit und Umfang allen anderen bekannten Technologien überlegen ist.

– Für diese Einschätzung der Bedeutung des Brüters und die Erschließung seines Potentials sprechen folgende Gesichtspunkte:

  • Die technisch-ökonomisch gewinnbaren Weltreserven an Erdöl und Erdgas reichen nur noch für wenige Jahrzehnte. Schon lange bevor sie zur Neige gehen, sind Versorgungsschwierighinter zu befürchten, da die Weltförderleistung hinter dem Anstieg des Weltenergiebedarfs zurückbleiben wird. Die Aufrechterhaltung unseres derzeitigen Anteils am Weltölmarkt ist angesichts des stark steigenden Importbedarfs anderer, insbesondere auch sich entwickelnder Länder stark gefährdet. Der Einsatz dieser Energieträger zur Stromerzeugung scheidet daher mehr und mehr aus.
  • Der einzige im Inland in größerem Umfang vorhandene Energieträger ist die Kohle. Der Einsatz der Steinkohle zur Stromerzeugung ist heute nur in der Mittel- und Spitzenlast wettbewerbsfähig. Zunehmend schwierige Abbaubedingungen und Umweltschutzauflagen (Entschwefelung) werden den Strom aus Kohle weiter verteuern. Strom aus Braunkohle ist zwar kostengünstig, der Braunkohlentagebau kann

aber infolge großer Umweltauswirkungen nicht mehr wesentlich gesteigert werden. Es wäre volkswirtschaftlich nicht vertretbar, einen zu großen Teil des Elektrizitätsbedarfs durch Strom aus Kohle zu decken. Kohle bildet langfristig unsere einzige Möglichkeit, die sich verknappenden flüssigen und gasförmigen fossilen Energieträger in der Energiewirtschaft und als chemische Rohstoffe zu ersetzen.

  • Bei Nutzung in thermischen Reaktoren liegen die heute bekannten und unter derzeitigen wirtschaftlichen Bedingungen einsetzbaren Energiereserven von Uran in derselben Größenordnung wie diejenigen von Erdöl und Erdgas. Daher kann sich die Stromversorgung nicht auf Dauer auf thermische Reaktoren abstützen, selbst wenn man berücksichtigt, daß Uran bisher relativ schlecht prospektiert ist und auch die Ausbeutung ärmerer Erze noch wirtschaftlich ist.
  • Wegen der sehr viel besseren Uranausnutzung im Schnellen Brüter werden Uranerze abbauwürdig, deren Abbau sich bei ausschließlicher Nutzung des Urans in thermischen Reaktoren nicht rentieren würde. Damit vervielfachen sich die Weltenergiereserven und die Zahl der möglichen Uranexportländer. Selbst die im Vergleich zu anderen Ländern geringen heimischen Uranreserven stellen bei Nutzung im Schnellen Brüter ein Energiepotential dar, das mit dem der heimischen Steinkohlenreserven beziehungsweise dem der Erdölreserven Libyens vergleichbar ist.
  • Weil schon geringe Mengen Uran bei Nutzung in Schnellen Brütern ein relativ großes Energieäquivalent darstellen (eine Tonne Uran entspricht in thermischen Reaktoren 23 400 t SKE, dagegen in Schnellen Brütern 1 680 000 t SKE), kann durch den Einsatz von Schnellen Brütern die Energieversorgungssicherheit entscheidend verbessert werden. Hinzu kommt, daß das bei dem Betrieb von thermischen Reaktoren anfallende und sonst nicht weiter verwendbare abgereicherte beziehungsweise „ausgebrannte“ Uran in Schnellen Brütern durchaus noch eingesetzt werden kann. Allein bei dem Betrieb von 20 thermischen Reaktoren (z. B. Leichtwasser-Reaktor, LWR) mit jeweils 1000 MWe fällt im Laufe von 20 Jahren Abfalluran an, bei dessen Nutzung in Schnellen Brütern ein Energieäquivalent erschlossen werden könnte, das in die Größenordnung der heute bekannten und wirtschaftlich gewinnbaren Welterdgasvorräte kommt. Der Einsatz Schneller Brüter kann so die Bundesrepublik Deutschland von der Einfuhr von Energierohstoffen unabhängiger machen.
  • Weil die Bundesrepublik Deutschland nur über geringe Uran Vorräte verfügt, ist – im Gegensatz zu Ländern mit reichen Uranvorkommen – ein Kernenergieprogramm viel risikoreicher, das nur den Einsatz von thermischen Reaktoren vorsieht und auf die spätere Nutzung von Brütern grundsätzlich verzichtet.
  • Die bisherigen Überlegungen, die für den Einsatz von Schnellen Brütern sprechen, um sich erschöpfende Energiequellen zu ersetzen, gelten unabhängig vom Ausmaß des nationalen und weltweiten wirtschaftlichen Wachstums. Selbst ohne wirtschaftliches Wachstum sind diese Begründungen voll gültig. Mit wirtschaftlichem Wachstum gewinnen diese Überlegungen nur an Bedeutung und Dringlichkeit.

Auf Grund der zu erwartenden Entwicklung der Energieversorgungslage muß die Bundesrepublik Deutschland die Möglichkeit haben, den Brüter von den neunziger Jahren an kommerziell einzusetzen. Das Entwicklungsprogramm ist darauf ausgerichtet, enthält jedoch keine Zeitreserven. Ein Abbruch der Schnellbrüterentwicklung würde dazu führen, daß diese Option nicht oder (bei späterer Wiederaufnahme der Entwicklung) nicht rechtzeitig zur Verfügung stünde. Ein Abbruch hätte auch die Entlassung von mehreren tausend Beschäftigten in der Industrie und der Gesellschaft für Kernforschung (GFK) zur Folge. Durch eine Unterbrechung der Entwicklung würden eingearbeitete Teams zerschlagen und wertvolle Zeit und zusätzlich Know-how verloren, das erst in aufwendigen Entwicklungsarbeiten unter Zeitverlust neu gewonnen werden müßte.