ZDF, Sonntag, 18. September, 21 Uhr 15: „Dokumente Deutschen Daseins“, Teil 1: „Mut, Mut, ihr Deutschen!“, von Wolf gang Venohr und Gerd Zenkel.

Wir schreiben das Jahr 1525. Aufrührerische Bauern lauschen auf freiem Felde dem Appell ihres Hauptmanns. Sie achten nicht des unheilverkündenden Zeichens am Himmel. Aber nein, es ist weder der Schweif eines Kometen noch eine geheimnisschwangere bluttriefende Wolken bloß der Kondensstreifen eines Düsenjägers. Wir sind wieder in der Gegenwart. Hans Wyprächtiger als Bauernführer mit. Andreas-Hofer-Bart und hessischem Dialekt und die Laienspielerschar bleiben trotz der echten Kostümierung viel zu sehr Menschen dieses Jahrhunderts, als daß man sie mit den ländlichen Figuren auf zeitgenössischen Darstellungen aus der Reformationszeit verwechseln könnte. Mehr als ein „Betthupferl“ sollen die Dokumentarspielszenen auch nicht sein, mit denen das ZDF jeweils die Filme seiner neuen historischen Serie einleitet – der Zuschauer ist erst einmal gefesselt und wechselt nicht gleich den Kanal.

Das ZDF, das auf eine langjährige Erfahrung mit historischen Dokumentationen, zurückblicken kann, hat einsehen müssen, daß weder die althergebrachte Form (Bilder, Texte, Zitate, Kurzreferate) noch der abendfüllende Spielfilm ausreichten, soviel Menschen vor den Bildschirm zu locken, wie es nötig wäre, um dem Notstand des Geschichtsbewußtseins abzuhelfen. Deshalb wagten sich die Autoren und Redakteure der neuen Serie („Dokumente Deutschen Daseins“) auf Neuland und führten Elemente ein, durch die Geschichte wieder Spaß macht: Am Anfang steht jeweils eine Spielszene, in der nur Originaltexte zitiert werden (zum Beispiel im dritten Film über Friedrich den Großen die Erlasse des aufgeklärten jungen Monarchen – ein verblüffender Anfang, da diese Figur im allgemeinen mit dem alten Fritz oder, schlimmer noch, mit dem Schauspieler Otto Gebühr gleichgesetzt wird). Ungewöhnlich, aber einstimmend ist der Auftritt der Hamburger Rock-Gruppe „Ougenweide“, die alte Texte aus der Zeit des Bauernkrieges, des Dreißigjährigen und des Siebenjährigen Krieges neu komponiert oder arrangiert hat – das wird den Jugendlichen gefallen.

Unterbrochen werden die Filmabläufe mehrmals durch Streitgespräche zwischen einem Publizisten – Sebastian. Haffner – und einem Wissenschaftler – Hellmut Diwald. Diese Paarung ist nicht ohne Reiz. Haffner, von dem das Publikum, eher ein Engagement links der Mitte erwarten würde, übernimmt hier den Part des Konservativen („Ich lasse mir meinen Luther nicht, verderben!“), der die modische Revolutionsbegeisterung nicht mitmacht, während der eher konservativ gefärbte Professor Diwald den Bauernkriegern zum Nachruhm verhilft, sie sogar den ungarischen Freiheitskämpfern von 1956 gleichstellte Sicherlich war der Grundgedanke richtig, durch Disputationen den Zuschauer zur Parteinahme zu veranlassen, also zum historischen Engagement, zum Miterleben. – Schon darum kann man diesem auf zwölf Teile zugeschnittenen Projekt nur wünschen, daß es wie geplant bis zur Gegenwart durchgezogen wird.

Freilich würde es nicht schaden, wenn sich die Filmgestalter äußerster Akribie befleißigten. Anachronismen wie der Hohenfriedbergermarsch als Begleitmusik zum Ersten Schlesischen Krieg oder unvollständige Geschichtskarten wären vermeidbar. Müssen wirklich Zitate, die längst zu geflügelten Worten geworden sind, in modernes Deutsch übertragen werden – zum Beispiel Friedrichs „Gazetten“ in „Zeitungen“? Streiten können wird man sich über die These des Filmautors Wolfgang Venohr, daß die deutsche. Nationalgeschichte erst mit dem Bauernkrieg anfange. Um Mißdeutungen zu entgehen, hätte man sich einen anderen Serientitel einfallen lassen sollen. Zum „Deutschen Dasein“ gehören noch ein paar Jahrhunderte mehr.

Karl-Heinz Janßen